Bei Jugendreise: Matin (17) starb in Lloret de Mar – war es wirklich ein Unfall?

Mutter sucht verzweifelt nach Antworten

Ein Sohn, der viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde, eine Mutter, die endlich Antworten will: Auch mehr als eineinhalb Jahre, nachdem der 17-jährige Matin bei einer Jugendreise nach Lloret de Mar an der spanischen Costa Brava ums Leben kam, sind die Umstände seines Todes noch mysteriös. Stürzte der junge Mann wirklich bei einem tragischen Unfall an einer Felsküste ins Meer? War er vorher in einen Streit verwickelt? Und warum widersprechen sich die Aussagen, die einer der Mitreisenden Matins bei der Polizei zur Nacht seines Verschwindens machte?

RTL-Reporter Ralf Benkö begibt sich auf Spurensuche – und was er mithilfe von Experten herausfindet, bringt neue Bewegung in den Fall. Die ersten Ergebnisse seiner Recherchen sehen Sie im Video.

Widersprüchliche Zeugenaussagen

Am 7. Juli 2019 bekommt Sonja Buschmann die schlimmste Nachricht, die eine Mutter erhalten kann: Ihr Sohn Matin ist tot. Polizeitaucher fanden ihn vor der Felsküste von Lloret de Mar im Meer. Die spanischen Behörden gehen von einem Unfall aus, doch Sonja glaubt nicht daran: “Ich möchte die Obduktion haben, ich möchte die Akte haben. Ich möchte wissen: Warum musste mein Sohn sterben?” Denn was genau in den Stunden passierte, nachdem er das letzte Mal gesehen wurde, ist bisher unklar.

Matin verschwindet in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli. Vorher telefoniert er mit seiner Mutter, erzählt ihr, er werde gleich mit zwei Freunden in eine Disko gehen. Auf einem Handy-Video, das dann entsteht, ist Matin gut gelaunt zu sehen, er flirtet mit einem Mädchen. Zu den darauffolgenden Ereignissen verstrickt sich einer der Freunde, Henrik (Name geändert), offensichtlich in Widersprüche: Erst erklärt er der örtlichen Polizei, sie seien gemeinsam an den Strand gegangen und Matin sei auf einmal weg gewesen, nachdem Henrik mit seinem Handy beschäftigt war. Später berichtet er von einem Streit mit drei mit einem Messer bewaffneten Männern, bei dem Matin ihn im Stich gelassen habe und weggelaufen sei.

Matin bat in einer Bar um Hilfe

“Das stimmt alles nicht. Das ist gelogen, die wissen, was passiert ist”, glaubt die verzweifelte Mutter. War Henrik wütend auf Matin, weil dieser ihm möglicherweise nicht den Rücken stärkte? Eine Sprachnachricht, die Henrik in derselben Nacht an andere Freunde verschickt haben soll, könnte das vermuten lassen: “Wenn ich den seh’, ich hau den tot, wirklich, bei Gott!”, heißt es darin. Doch allein daraus lassen sich keine Schlüsse ziehen, ob Matin bei seinem Tod tatsächlich alleine war oder nicht und ob es Fremdeinwirkungen gab.

RTL-Reporter Ralf Benkö spricht exklusiv mit Zeugen aus einer Bar, in der Matin das letzte Mal lebend gesehen wurde. Kellner Sergio Ramirez Bosch berichtet, der Junge sei betrunken und aufgeregt gewesen, habe Blutflecken auf dem T-Shirt gehabt und um Hilfe gebeten. Doch dann habe er Gäste um Getränke angeschnorrt, weshalb er ihn gebeten habe, zu gehen. In den folgenden Stunden ist Matin dann ums Leben gekommen – aber wie?

Kleidung des 17-Jährigen wurde nie gefunden

Ein weiterer mysteriöser Umstand: Matin trieb ohne Hose, Socken und Schuhe im Meer. “Man hat ihn ausgezogen und ins Wasser geschmissen – ich weiß es!” behauptet Mutter Sonja.

Daran, dass Matin seine Kleidung allein durch den Unfall verlor, hat auch Profiler Axel Petermann starke Zweifel: “Da wird das Wasser nicht eine solche Strömung gehabt haben”, erklärt er im Skype-Interview. Doch die fehlenden Kleidungsstücke wurden dem Bericht der spanischen Polizei zufolge nie gefunden – und das, obwohl man tagelang danach gesucht habe, sogar mit einer Drohne.

Forensik-Forscher lassen Zweifel an Sturz ins Meer aufkommen

Ralf Benkö bittet außerdem Dirk Labudde, Forensik-Professor an der Hochschule Mittweida, um Hilfe. Dieser erstellt mit seinem Team ein dreidimensionales Modell der Küste. Mit aufwändigen Sturzsimulationen versuchen die Forscher herauszufinden, was sich in der entscheidenden Nacht abgespielt haben könnte. Die Ergebnisse lassen massive Zweifel daran aufkommen, dass die spanische Polizei wirklich den korrekten Ort ermittelt hat, an dem Matin zu Tode kam. Denn nach ihren Berechnungen wäre der 17-Jährige am bisher angenommenen Ort in jedem Fall auf einen Felsen gestürzt – nicht aber ins Wasser, wo man ihn gefunden hatte. Sie können an diesem Küstenabschnitt überhaupt nur zwei Stellen ermitteln, an denen Matin so abgestürzt sein könnte, dass es zu seinen Verletzungen passt.

Dazu stellt Kriminalist Axel Petermann außerdem fest: “Die Gewalt war auch nicht sofort tödlich, er hat noch eine gewisse Zeit überlebt.” Doch Hinweise auf ein Ertrinken haben spanische Gerichtsmediziner bei der Obduktion bisher nicht gefunden, obwohl sie danach gesucht hatten – das zeigen Ermittlungs-Akten, die RTL vorliegen. Sollte er allerdings bereits gestorben sein, bevor er im Meer landete, stellt sich die Frage: Wie ist er dann dort hineingekommen?

Und wie Professor Labudde noch einmal feststellt: “Kein Mensch stürzt ab und zieht sich vorher die Hose aus!” Deshalb müsse man neben einem Unfall als Ursache auch andere Szenarien prüfen.

Wurde Matin nicht ausreichend betreut?

Was auch immer in dieser Nacht mit ihrem Sohn passierte: Sonja macht dem Veranstalter der Jugendreise schwere Vorwürfe. “Ich habe mehrfach mit ‘Fun Reisen’ telefoniert und gefragt, ob die Kinder beschützt und unter Aufsicht sind”, erklärt sie Ralf Benkö. “Sie sagten: ‘Ihr Sohn ist gerade 17 geworden, natürlich passen wir auf!'” Zudem sei sie erst am Sonntag von Freunden Matins über sein Verschwinden Freitagnacht informiert worden – und nicht vom Reiseveranstalter selbst.

Doch “Fun Reisen” erklärt in einer von RTL geforderten Stellungnahme: “Wir haben die Ermittlungen der Behörden aktiv unterstützt und alle Informationen lückenlos an die zuständigen Stellen weitergegeben. Die von Ihnen geschilderten Vorgänge entsprechen weitgehend nicht den Tatsachen (…).”

Deutsche Staatsanwaltschaft ermittelt nach RTL-Recherchen weiter

In Spanien ruhen derzeit die Ermittlungen in Matins Todesfall. RTL-Reporter Ralf Benkö übergibt dem zuständigen Oberstaatsanwalt Robert Hartmann in Darmstadt seine Rechercheergebnisse. Der will sich nicht auf einen Unfall festlegen: “Wir sehen das nicht so als Staatsanwaltschaft, wir wollen das überprüfen und alle Beweismittel ausschöpfen, die wir bekommen können, um uns selbst ein Bild zu machen.” Dafür würden unter anderem die Mädchen gesucht, die auf dem vermutlich letzten Video von Matin zu sehen sind.

Ihren Sohn kann ihr all das nicht nicht zurückbringen. Doch zumindest weiß Sonja nun, dass es weitergeht – und auch in Spanien wird der Anwalt der Mutter nun die Behörden angesichts der neuen Erkenntnisse auffordern, die Ermittlungen wieder aufzunehmen.

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