Das neue Volkstheater: In weiter Ferne so nah

München – Gleich hinter dem großen, neuen Ziegel-Eingangsbogen des Volkstheaters steht man auf einem Forum, das gerade gepflastert wird. Links liegt der denkmalgeschützte Altbau, wo früher Viehhändler feilschten und abrechneten. Rechts ragt der neue Haupteingang in den Hof, der einmal auch den Biergarten des neuen Wirtshauses beherbergen soll. 26.000 Quadratmeter Grundfläche umfasst das neue Volkstheater im Schlachthofviertel – zugegeben inklusive aller Werkstätten und Lagerräume, die bisher auf Dutzende Orte in der Stadt verteilt waren.

Intendant Christian Stückl raucht bei der Ortsbegehung, die Corona-Maske runtergeschoben. Und weil alles riesig erscheint, stellt man ihm die Frage, ob das nicht alles auch unheimlich sei, jetzt Herr über gleich drei Bühnen zu sein und diesen Riesenkomplex zu managen. “Ja, unheimlich!”, gibt Stückl zu: “Aber ich freu’ mich auch unheimlich!”

Dieter Reiter: “…nicht gerade beengt”

Jetzt ist Oberbürgermeister Dieter Reiter zur ersten Innenführung eingetroffen und spricht vom “Prachtstück” Volkstheater, das die Stadt für 131 Millionen Euro gebaut habe: alles – trotz Corona – im Zeit- und Kostenplan. Und nach einer knappen Stunde im Labyrinth der vielen Foyers, Säle, Büros und Bühnenräumen, murmelt Dieter Reiter am Ende von “nicht gerade beengt…”, aber ohne vorwurfsvollen Unterton. Was Stückl aufgreift: Er fühle sich dennoch nicht wie Franz-Peter Tebartz-van Elst, der berüchtigt verschwenderische “Protzbischof” von Limburg.

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Stückl eilt durch sein neues Haus, erzählt gewohnt vorwärtstreibend und so begeistert, dass es ihn einmal fast rückwärts von einer der höheren der zwanzig Zuschauerreihen haut. Der Raum hier ist breiter als im alten Haus, der Zuschauer ist näher an die Bühne herangeschoben. 900 Zuschauer könnten an einem Abend im nächsten Herbst im Hause sein, wenn alle drei Bühnen (600, 200 und 100 Plätze) bespielt werden.

Und weil Stückl noch einen Probenraum ans Foyer im ersten Stock hat bauen lassen, gäbe es sogar noch eine vierte Spielstätte, die man abendlich für nochmal 100 Leute öffnen könnte. Diese gerade öffentlich geäußerte Idee ruft dann sofort den Herrn vom Baureferat auf den Plan: Das Haus sei nur für 900 Leute zugelassen! Was in Erinnerung ruft, dass das kontrollierende Kreisverwaltungsreferat nur 150 Meter Luftlinie entfernt ist.

Im neuen Haus will Stückl selbst noch mehr inszenieren

Das neue Volkstheater in all seinem Umfang am Laufen zu halten, wird sicher ein Kraftakt werden. Das gibt auch Stückl zu: “Aber natürlich will ich ein volles Haus!” Und wenn er sich übernimmt? Dazu erzählt Stückl die Anekdote, als er vor zwanzig Jahren mit der Stadt verhandelte, neuer Intendant des Volkstheaters zu werden, das damals auch kurz davor stand, abgewickelt zu werden: “Im Vertrag hatte die Stadt eine Ausstiegsklausel drin, wenn das Theater nicht hochkommen sollte.”

Reiter steigt darauf ein: “Mit Christian Stückl aber haben wir in München einen Theatermacher, der zuverlässig erfolgreich ist – und zwar eben weit über den ‘Brandnerkaspar’ hinaus.” Vor Corona lag die Auslastung im Haus an der Brienner Straße bei stolzen 85 Prozent. Im neuen Haus will Stückl auch selbst noch mehr inszenieren, eben nicht nur im großen Saal, der jetzt sogar Schnürboden und Drehbühne hat, dessen Bühnenraum allein 30 Meter hoch ist und noch 14 Meter in den Boden geht. Aber auch die neue Bühne 2 sei für ihn jetzt reizvoller als seine bisherige, improvisierte “Nachtkastl”-Bühne im ersten Stock in der Brienner Straße.

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Womit die inhaltliche Frage im Raum steht: Ändert ein neues, größeres Haus auch etwas am Spielplan? Stückl zählt auf…

Zwölf oder 13 Premieren statt bisher zehn pro Saison. Weniger Schließtage. Auch das Ensemble muss daher von 17 auf 22 Mitglieder erweitert werden. Da die Hauptbühne einen versenkbaren Orchestergraben hat, sind auch Konzerte möglich. Überhaupt soll ein noch breiteres Publikum angesprochen werden. Und ein Haus wie dieses braucht zum Beispiel allein eine Ingenieursstelle, um die Technik oder Lüftungen am Laufen zu halten. Der Personalstand wird sich also von 100 auf 150 Personen erhöhen.

Das alles wird mehr Geld brauchen. Reiter wirkt da aber gar nicht nervös: “Wir haben als Stadt allein schon im letzten halben Corona-Jahr eine Milliarde Euro Einnahmeverluste, und keiner weiß, wie sich die Lage entwickelt. Aber wir stellen nicht ein neues Haus für einen dreistelligen Millionenbetrag hin und sparen dann an einer Schauspielergage”, verspricht er und außerdem kenne er Stückl als zähen Verhandler!

Stückl-Premiere am 15. Oktober 2021

Tapfer hat Christian Stückl die einstündige Hausführung auf der Baustelle mit Rauchverbot ohne Zigarette überstanden. Wieder im Innenhof zündet er sich sofort eine an. Ober er überhaupt glaubt, sein bisheriges Haus noch einmal nach einem Lockdown bespielen zu können? “Ja, mit drei Premieren – so Gott will!”

Und vor wie vielen Zuschauern, glaubt er, seine Premiere am 15. Oktober 2021 zu zeigen, hier in der Zenettistraße am Schlachthof? “Jedenfalls mehr als 50! Ich hoffe auf ein volles Haus, weil alles andere einfach keinen Spaß macht!” Und dann erzählt er noch einen Trick, wie man es schafft, immer voll zu sein. In seiner Anfangszeit auf der Bühne im Wirtshaus seiner Eltern habe er immer nur so viele Stühle aufgestellt, wie Karten verkauft waren. Also: Immer ausverkauft! Und wenn dann vor Beginn noch welche kamen, hat man einfach noch Stühle reingetragen, was auch wieder was hermachte! “Des geht hier aber nicht!”, sagt Dieter Reiter lachend und geht zurück ins Rathaus. 

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