‘Der Sprung vom Elfenbeinturm’ – Ihrer Zeit weit voraus

Münchner Theatergänger kennen Pinar Karabulut vor allem aus dem Volkstheater, wo sie in den letzten Jahren zum Beispiel das bislang letzte Schauspiel von Herbert Achternbusch (“Dogtown Munich”) uraufführte.

Uraufführung von “Der Sprung vom Elfenbeinturm”

Inzwischen hat sie an den Kammerspielen angedockt, und auch dort beschäftigt sie sich wieder mit einer Münchner Künstlerpersönlichkeit: Gisela Elsner, die sich 1992 mit 55 Jahren das Leben nahm.

Am Samstag findet im Schauspielhaus die Uraufführung von “Der Sprung vom Elfenbeinturm” statt. Die AZ sprach mit der Regisseurin.

AZ: Frau Karabulut, Sie wurden mit der Intendanz von Babara Mundel Teil der künstlerischen Leitung der Kammerspiele. Wie ist in dieser Beinahe-Post-Pandemie-Phase die Stimmung im Haus?
Pinar Karabulut: Es wäre schön, wenn schon Post-Pandemie wäre. Wir sind ja noch mittendrin. Tatsächlich aber ist die Stimmung schon viel besser geworden. Am Anfang war es einfach wahnsinnig traurig, eine Intendanz in einer Pandemie zu beginnen und nicht wirklich starten zu können. Da gab es die Eröffnung, dann den Lockdown, dann konnte man wieder öffnen und dann kam wieder der Lockdown. Jetzt hoffen wir, dass es wirklich endlich losgeht, weil wir in den letzten Monaten viel produziert haben und wollen nur noch spielen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sitzen auf heißen Kohlen und wollen endlich auf die Bühne.

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Wie stießen Sie auf Gisela Elsner?
Es war, um ehrlich zu sein, eine Idee des Dramaturgen und Autoren Mehdi Moradpour. Er hielt es für eine gute Idee, die Radikalität der Texte von Gisela Elsner mit der Radikalität meiner Inszenierungen zu mischen. Ich habe die Texte gelesen und sie ist meiner Meinung nach die erste kritische Nachkriegsautorin in Deutschland. Wir sprechen immer von Günter Grass, aber niemand spricht von Gisela Elsner. Sie war ihrer Zeit weit voraus. Schon Anfang der Sechziger Jahre hat sie vom Nachkriegs-Deutschland die Aufarbeitung seiner Geschichte gefordert. Damals sprach sie schon von einer Gegenwartsbewältigung. Und sie ist eigentlich eine Satirikerin.

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Elsner war glühende DKP-Anhängerin. Glauben Sie, dass wir heute noch eine Ideologie wie den Kommunismus brauchen?
Sie sprechen mit einer absolut westdeutschen Frau. Ich komme aus Mönchengladbach und der Kommunismus ist von mir unendlich weit entfernt. Aber er gibt einige Anstöße, die ich nicht uninteressant finde, wie der Gedanke der Gleichberechtigung.

Zahlreiche Texte von Elsner flossen mit ein

Gisela Elsner hat mehrere Dramen und ein Opernlibretto hinterlassen. Gab es auch den Gedanken, ein Elsner-Stück zu inszenieren?
Nein, den gab es nicht. Dafür finde ich sie viel zu interessant, ihr Werk so spannend und so wichtig, und auch den Menschen, der dahinter steckt. Das erzählt sich nicht nur mit einem ihrer dramatischen Texte. Mir war von Anfang an klar, so viele Texte wie möglich in diesen Abend einfließen zu lassen.

Oskar Roehler, der ältere Sohn Gisela Elsners, drehte 2000 einen Film über die letzten Jahre seiner Mutter. Er geriet intensiv genug, um die Darstellerin Hannelore Elsner, die mit der Schriftstellerin nicht verwandt ist, mit der historischen Gestalt verschwimmen zu lassen. Welches Bild zeichnen Sie von Gisela Elsner?
Ich versuche, das Bild einer alterslosen Frau zu zeigen, die für ihre Freiheiten in ihrer Weiblichkeit darum kämpft, als Künstlerin in einem verspießten Deutschland gesehen zu werden.

Hatten Sie Konktakt zu Oskar Roehler?
Es gab einen Kontakt über die Dramaturgie, aber es soll kein biografischer Abend werden. Ich persönlich hatte gar keinen Kontakt zu ihm.

Eine Abrechnung in drei Teilen

Was geschieht an diesem Abend?
Es gibt drei Teile. Der erste Teil ist eine Dramatisierung der beiden Romane “Fliegeralarm” und “Heilig Blut”. Der zweite Teil ist eine Mischung aus ihren politischen Schriften, den Essays und den Interviews, die sie gab. Der dritte Teil geht zurück auf den Roman “Das Berührungsverbot”, einer ihrer ersten Erfolge, mit dem sie sich mit der Spießigkeit der Deutschen beschäftigt. Damit kommt die finale Abrechnung.

Schon der Untertitel fühlt sich wie eine Abrechnung an: “Ein Abend gegen deine spießbürgerlichen Fantasien, deine Lebenslügen und deine Kompromisse”. Geben Sie es dem deutschen Michel so richtig auf die Schlafmütze?
Ich würde sagen: Ja!

Münchner Kammerspiele, Samstag bis Montag, 19.30 Uhr, Telefon 23396600

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