‘I Owe It All to You’ von Shirley Bassey: Zeitlos emotionaler Glamour

Ist “camp” ein Schimpfwort? Es bedeutet: affektiert, stilistisch künstlich, übertrieben. Auf dem Cover sieht man die Dame im fedrigen Schwanenkleid, wie man es auch von Marlene Dietrich kannte, fotografiert vor wehenden Goldtüchern. Das ist “camp”!

Shirley Bassey: Eine Verneigung vor ihrem Publikum

Aber die amerikanische Intellektuelle Susan Sontag verlangte für diesen Begriff auch noch “Theatralik”, “Leidenschaftlichkeit”, “Verspieltheit” – und weil Shirley Bassey all das mitbringt und vor allem dazu noch ein ergreifendes, unverwüstliches sängerisches Talent, ist sie einfach wunderbar.

“Mein neues Album ist eine Feier von 70 Jahren im Showbusiness. Ich folgte dem Ruf vieler Bühnenbretter und habe in so manchen diamantenen Absätzen für Wirbel gesorgt”, sagt sie zu ihrem Album, das als künstlerisches Vermächtnis der jetzt 83-Jährigen gelten soll. Denn es ist eine bilanzierende Verneigung vor dem Publikum: “I Owe It All To You!” – Alles verdanke ich Euch! Das ist ein Song des britischen Songwriters und Radio-Showmasters Don Black. Er schrieb auch “Diamonds Are Forever”, den ikonischen Bond-Titelsong von 1971 für Shirley Bassey. Jetzt erklingt “I Owe It All To You!” nach einer swingend raunenden groß arrangierten Big-Band-Orchester-Ouvertüre und ist die direkteste Hommage des Albums an die treuen Fans, die einen Künstler auf “Flügeln tragen” und ernähren wie “Brot und Wein”, auf deren Treue man sich verlassen kann in den sprichwörtlichen Höhen und Tiefen.

Shirley Bassey berührt allenfalls die Kitschgrenze

Das alles klingt nach Klischee, aber berührt bei Bassey allenfalls die Kitschgrenze, ohne sie je zu überschreiten. Wofür auch diese Stimme sorgt. Sie kommt aus fast unheimlich androgyner Tiefe, um sich dann in schöne, sanft metallische, offene Höhen schwingen zu können. Und immer – auch bei feierlichen oder ekstatischen Zeilen – schwingt bei Bassey eine lebenserfahrene Melancholie mit, ohne sentimental zu sein. Und das ist eben hohe Kunst.

Das neue Album enthält sowohl neues Material, als auch bekannte Stücke, die das Leben und die Karriere von Shirley Bassey spiegeln sollen. Insgesamt klingt aber alles immer beruhigend nah am Sound, wie man Bassey seit den 60er-Jahren kennt.

Gegen Ende ist Elvis Presleys “You Were Always On My Mind” zu hören, als klavierbegleitete Reflexion über ein Versprechen an uns Zuschauer, die sie eben nie vergisst, gefolgt von John Miles’ “Music Was My First Love” als Schlusstitel des Albums, womit Bassey natürlich zugibt, dass es letztlich vielleicht doch die Musik ist, mit der sie die eigentliche Liebesbeziehung hat.

Shirley Bassey steht seit 70 Jahren auf der Bühne

“Who Wants to Live Forever?”, ist eine schwierige Frage, faszinierend und beängstigend. Sie ist der zweite Titel des Albums. Roger Taylor hat sie 1986 musikalisch gestellt. Was bei Queen orchestraler Bombast-Rock war, wurde für Shirley Bassey leicht entschlackt. Denn die Frage des Todes stellte sich für den 40-jährigen Aids-infizierten Freddie Mercury anders, als sie es heute tut für Shirley Bassey, die seit 70 Jahren auf der Bühne steht. Ihre intimere Ballade klingt daher lebenserfahren klagend.

Noch zu hören unter den 13 Titeln ist der Musical-Klassiker “Maybe This Time”- und man vergleicht sie zwangsläufig mit Liza Minnelli. Und auch hier meint man eben mehr Leben zu spüren, dass bei Bassey cooler ist, als bei einer 26-Jährigen 1972 in “Cabaret”.

Der folgende Song “I Made It Through The Rain” spricht in lyrischen Tönen über alltäglichen Kämpfe. “Ich habe das Gefühl, dass es eine positive Botschaft für die Menschen hat, besonders hier und jetzt. Es wird immer wichtiger, zu wissen, dass alles gut sein wird und wir es schaffen werden”, sagt Dame Shirley im Booklet – und meint natürlich auch unsere derzeitige Coronakrise.

“I Was Here” stammt von der amerikanischen Sänger-Songwriterin Diane Warren. Es ist eine Bilanz mit der Frage, was bleibt? “Dieses Lied hat mich umgehauen. Es hob mich wieder auf, wirbelte mich herum und machte mich dann am Ende sprachlos. Jedes Wort in diesem Lied verkörpert, wie ich mich fühle. Ich hoffe, dass ich auf irgendwelche Weise in meinem Leben durch meine Worte und meine Musik das Leben von jemandem verändert habe. Dass meine Fußabdrücke für immer bleiben werden”, sagt Bassey. Und es erklingt eine lyrische Ballade, die explodiert, wenn es kraftvoll heißt: “I lived, I loved, I did, I’ve done”!

Ja, genau das ist es, was Shirley Bassey uns in so vielen Jahrzehnten immer wieder geschenkt hat: berührendes Pathos.

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