Kölner "Tatort: Schutzmaßnahmen": Der Feinkosthändler des Grauens

  • Komplizierte Familienverhältnisse im Kölner „Tatort“: Kommissar Freddy Schenk muss einen Brand im Restaurant seiner Tochter aufklären.
  • Aber die Hauptrolle spielt ein multikulturelles Stadtviertel.

Eine KritikvonIris Alanyali

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Na, das passt ja: Kurz nach Weihnachten ein „Tatort“ über lauter eher angespannte Familienverhältnisse. Los geht es mit einem Brandanschlag und einer verkohlten Leiche im Restaurant „Wunderlampe“. Das gehört Kommissar Freddy Schenks Tochter Sonja (Natalie Spinell). Weil Sonja Schenk mit ihrem Verlobten Karim (Timur Isik) und Tochter Frida (Maira Helene Kellers) direkt über dem Lokal lebt, organisiert der besorgte Papa ihnen Unterkunft in einer Schutzwohnung der Polizei. Mit so etwas kennt er sich aus, da kann er etwas tun und helfen.

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Kommissar Freddy Schenk als Familienmensch

Freddy Schenk wird ja gern als Familienmensch beschrieben, zur Unterscheidung von seinem Einsamer-Wolf-Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt). Allerdings haben wir Freddy Schenks Frau noch nie gesehen. Die Töchter Melanie und Sonja spielten zwar in mehreren „Tatorten“ eine Rolle, aber im Allgemeinen sind Schenks Familienmitglieder nicht besonders präsent.

Sonja war zuletzt 1999 in der Folge „Kinder der Gewalt“ zu erleben (auch damals schon gespielt von Natalie Spinell), und sehr viel öfter scheint auch Freddy Schenk sie nicht getroffen zu haben – Karim steht er eher skeptisch gegenüber, und in dem Restaurant, das die beiden seit zwei Jahren führen (Karim ist ein talentierter Koch), war er noch nie.

Verheiratet ist auch Freddy Schenk eben vor allem mit seiner Arbeit. Aber jetzt, da verwandtschaftlicher Zusammenhalt Polizeischutz bedeutet, bewegt er sich als Kommissar mit Leib und Seele auf vertrautem Gebiet.

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Schmerzhaft muss der Profi allerdings erfahren, dass das noch lange nicht heißt, dass Tochter und Enkelin ihm vertrauensvoll ihr Herz ausschütten. Familie bedeutet eben auch, dass man Geheimnisse voreinander hat – ganz besonders, wenn Papa Polizist ist, und erst recht, wenn er sich auf den persisch stämmigen Karim als Hauptverdächtigen einschießt.

„Racial profiling, Papa“, sagt Sonja so enttäuscht wie lakonisch. Und Kollege Max Ballauf darf beweisen, dass Freunde, die bereit sind, einen vor sich selber schützen, genau so viel Halt geben können wie verwandtschaftliche Beziehungen.

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Stadtviertel Veedel spielt Hauptrolle

Die andere Familie, die im Zentrum von „Schutzmaßnahmen“ steht, ist das Veedel, das Viertel, in dem die Folge spielt. Eine fiktionalisierte Version der multikulturellen Kölner Weidengasse mit ihren alteingesessenen Kneipen, türkischen Imbissen und regelmäßig neu öffnenden internationalen Lokalen spielt eine starke Charakter- und die eigentliche Hauptrolle in diesem „Tatort“.

Wie der Berliner Kiez bezeichnet Veedel mehr als nur Stadtviertel, es steht für die Gemeinschaft, deren Mitglieder sich trotz unterschiedlicher Herkunft zusammengehörig fühlen. Aylin Göktan (Günfer Çölgeçen) etwa führt ein türkisches Café. Ihr Mann wurde einst zusammengeschlagen und hat sich später umgebracht.

Aber nein, Fremdenhass sei das nicht gewesen: „Wir gehören hier im Viertel zu den Alteingesessenen“ sagt sie selbstbewusst, als die Kommissare sie befragen, „wir sind hier keine Fremden.“ Nicht weit davon führt auch Witwe Ulla Waldstätt (Almut Zilcher) die Kneipe ihres Mannes weiter. Sie hat noch immer seinen Baseballschläger unterm Tresen stehen. Für alle Fälle. Man regelt die Dinge hier eben selbst.

Besonders Feinkosthändler Viktor Raschke (Manfred Zapatka) tut das. Er ist das selbst ernannte Familienoberhaupt des Viertels und hat offenbar zu viele Mafiafilme gesehen. Raschke verkauft seine Schutzgelderpressung als Nachbarschaftshilfe. Wenn man nicht nach seiner Pfeife tanzt, schickt er seine Männer.

Niemand mag ihn – aber niemand traut sich, etwas gegen ihn zu tun. Das Alteingesessensein hat eben auch seine Nachteile, die Gewohnheit führt zu Verklärung, und wie in Familien machen es verschworene Gemeinschaften ihren kritischeren Mitgliedern schwer, sich zu lösen.

Tatort mit fast dokumentarischen Szenen

Unter der Regie von Nina Vukovics erzählt „Schutzmaßnahmen“ aus einer fast dokumentarischen Perspektive. Wir tauchen ein in den Mikrokosmos, in dem Drehbuchautor Paul Salisbury seine Geschichte erzählt, immer ganz dicht dran an den Mitgliedern dieser brüchigen Familien.

Seien es Freddy Schenk und seine Schutzbefohlenen oder die Bewohner des Viertels: Der Tote in der „Wunderlampe“ bringt Geheimnisse ans Licht und zwingt alle, ihre Loyalitäten neu zu überdenken. Diese Nähe und Intensität ist die eigentliche Stärke von „Schutzmaßnahmen“, die auch über den ziemlich konstruierten Mordfall und seine durchsichtige Auflösung hinwegsehen lässt.

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