Künstler im Lockdown: Jazz-Sängerin Stefanie Boltz ist inspiriert vom Blues

Erst gestern war ich ganz kurz in Tirol. Ja, Tirol im Ausland! Gemeinsam mit dem Pianisten Christian Wegscheider, der in der Nähe von Innsbruck wohnt, habe ich schon während des ersten Lockdowns ein neues Projekt gestartet, so ganz nebenbei und ohne Druck. Wir haben schon seit Jahren damit geliebäugelt, gemeinsam ein konzertantes Programm mit eigenen Stücken zu entwickeln.

Zusammen digital komponieren

Also haben wir uns jetzt über digitale Medien immer wieder Kompositionsschnipsel hin und her geschickt. Und schon waren wir mitten drin, in unserem neuen Projekt. Irgendwann kommt man natürlich um eine gemeinsame “echte Probe” nicht mehr herum. Um uns im Frühjahr zu besuchen, mussten wir teils strenge Grenzkontrollen passieren, aber wir haben uns natürlich – kreativ wie wir sind – immer etwas einfallen lassen.

Lesen Sie auch

Neue Künstlersoforthilfen: Ein einfacher Antrag

Gerade durch die Spannung und spezielle Atmosphäre, die in dieser Zeit herrschte, sind auch besondere Dinge entstanden. Es ist ja nicht allein die große Glückseligkeit der Motor für spannende Kunst, sondern oft sind es die vielen Zwischentöne, Melancholie und Blues, manchmal auch Hilflosigkeit, die einen inspirieren. Insofern sind wir Kreative dazu aufgefordert, diese widrigen Zeiten zu nutzen, etwas daraus zu machen.

Pianist Christian Wegscheider hat groovige Stücke mit Witz geschrieben

Die Kompositionen von Christian und mir sind daher auch nicht schwermütig geworden. Es sind groovige Stücke dabei, mal mit viel Witz, zwischendurch mal eine schöne Jazz-Ballade mit spannenden Harmoniewechseln – es entsteht ein breites Spektrum voller Spielfreude.

von Sigi Müller

In diesem Sommer entwickelte sich insgesamt eine tolle Atmosphäre vorübergehender Lockerung, wir hatten alle das Gefühl, unser Beruf sei quasi kurz zurückgekommen. Jedes Konzert, jede Begegnung war ein Geschenk. So konnten wir auch mit unseren neuen Songs schon ein paar Mal auftreten. Beim ersten Konzert in Südtirol ist uns auch der Name für unser neues Projekt eingefallen: “JazzBaby!”. Diesen Namen sollte man sich merken, er wird noch zu hören sein!

Boltz: Wenn alles draußen dicht ist, erschließt man innere Räume

Der erste Lockdown kam für mich zunächst zur denkbar schlechtesten Zeit. Mit dem Kontrabassisten Sven Faller bilde ich seit zehn Jahren das Duo “Le Bang Bang”, ich hatte für 2020 eine große Jubiläumstour geplant. Startschuss war im März in Klagenfurt, das erste war dann auch das letzte Konzert. Die restlichen Termine wurden abgesagt. Wir konnten vor Ort beobachten, wie in Österreich der Lockdown vollzogen wurde. Ich habe die letzten zwei Stunden vor der Schließung in Salzburg in einem Café gesessen und das Unwirkliche auf mich wirken lassen.

Die Jubiläums-CD “Le Bang Bang – Greatest Hits Vol. 10” haben wir diesmal ausgerechnet nur physisch herausgebracht, also ohne digitale Option, ein Album zum Anfassen, etwas, das die Fans über den Kontakt mit uns nach den Konzerten (oder über die Webseite) erwerben können. Plötzlich war das aber gar nicht möglich.

Jazz-Konzerte noch bis in den Lockdown hinein

Mittlerweile haben wir einige Jubiläumskonzerte spielen können, sogar bis in den jetzigen Lockdown hinein. Letzte Woche waren wir noch zu Gast auf dem “IDeeJazz-Festival” in Estland. Es war wie ein kleines Wunder, dass wir genau den einen Fleck auf der Landkarte erwischt haben, wo man sich aufgrund der einigermaßen entspannten Lage dort (fast) Corona-frei bewegen und arbeiten konnte.

Jetzt, zurück in München, versuche ich, nicht in eine Starre zu verfallen. Das ist es auch, was mich diese Zeit lehrt: Es ist möglich, sich zu bewegen, ohne andere Menschen zu gefährden. Man kann in einem gewissen Maß arbeiten, proben und kleine Ausflüge planen. Und wenn überall dichtgemacht wird, gibt es innere Räume, die sich erschließen lassen: komponieren, herumspinnen, meditieren, verrückten Kram aushecken für die Zeit “danach”.

Als Sängerin und Managerin doppelt von der Pandemie getroffen

Mich hat die Pandemie auf zweierlei Art getroffen, nicht nur als Sängerin, die selbst auf der Bühne steht, sondern als Managerin und Bookerin. Ich bin neben meinen eigenen Projekten auch Agentin für einige andere Künstlerinnen und Künstler und stand durch die Situation ab Frühjahr plötzlich vor einem großen organisatorischen Trümmerhaufen. Tourneen einzufädeln hat manchmal einen jahrelangen Vorlauf.

Termine mussten ständig verschoben werden, es bedurfte immer wieder neuer individueller Strategien und Absprachen, mit jedem einzelnen Veranstalter. Die Schiffe der Künstlerinnen und Künstler, der Bands in diesem ungewissen Ozean über Wasser zu halten – das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, da knicke ich bei allem Willen auch immer wieder moralisch ein. Geld, Bezahlung und Selbstwert sind bei künstlerischer Arbeit einfach sehr eng verbunden. Wenn mir zehn Konzerte abgesagt werden, kratzt das eben auch ein wenig am Selbstwert.

Heute nehme mir wieder Zeit für neue Visionen! Ich treffe eine befreundete Yogini und Künstlerin, Franziska Agrawal. Wir sind uns beim Tango-Tanzen zufällig wiederbegegnet und hatten in den Sommermonaten eine gemeinsame Idee: Franziska arbeitet als Produktdesignerin und ist als bildende Künstlerin eine etablierte Spezialistin auf dem Gebiet Schnee- und Eis-Skulpturen. Und ich habe wiederum mit “Midwinter Tales” letztes Jahr dem Winter ein eigenes Album gewidmet. Im Dezember sind wir zu einer Künstlerresidenz in Bad Gastein eingeladen, dort wollen wir ein gemeinsames Projekt entwickeln. Ich freue mich wahnsinnig, wir betreten ein ganz neues, spannendes künstlerisches Feld.

Ich träume von dem Tag, an dem wir alle wieder ausschwärmen

Ich bin insgesamt mit meinem Beruf beziehungsweise meiner Berufung schon ziemlich verheiratet. Dennoch gibt es in meinem Leben ein buntes Patchwork-Familien-Puzzle. Meine zwei großen (Stief-)Kinder wollten eigentlich Ende März nach Australien gehen, Wohnung und Jobs waren bereits gekündigt. Die unfreiwillige Neuorientierung war nicht einfach, ich finde aber, sie haben es bravourös gemeistert. Nun gibt es eben neue Ziele.

von Sigi Müller

Ich bin sehr naturverbunden und gehe viel raus, am liebsten in die Berge. Auf meinem Mountainbike oder einem Spaziergang an unserer wunderschönen Isar puste ich mir den Kopf durch, wenn ich zu viel grüble. Ich versuche auch, meinen Sohn zu diesen Unternehmungen zu überreden, wobei er sich als Teenager natürlich eher für andere Dinge als die Hobbys der Mama interessiert. Da muss man verhandeln: eine Wanderung gegen zweimal gemeinsam Zocken.

Auch schweren Zeiten etwas abgewinnen

Ich bin von Natur aus sehr neugierig, kann auch schwierigen Zeiten was abgewinnen. Allerdings muss man immer wieder Distanz zu dem finden, was gerade passiert, damit nicht alles allzu arg schmerzt. Ich bleibe aber trotz meiner Achterbahnfahrten zuversichtlich. Und ich träume von dem Tag, an dem wir alle wie Schwämme wieder die kulturelle Nahrung aufsaugen und uns – etwas dünnhäutiger, aber auch gestärkt – dankbar gemeinsam der Kunst hingeben können.

Quelle: Lesen Sie Vollen Artikel