Muffins, Hüpfburgen und dann auch noch die anderen Eltern: Kindergeburtstage sind der Horror

Es gibt diese Stunden im Elternleben, in denen man leidet. Dann gibt es die, in denen man sehr leidet. Und dann gibt es die Kindergeburtstage.

Von Micky Beisenherz

Vater zu sein heißt, mit bestimmten Ängsten zu leben. Jeder, der Kinder hat, kennt zum Beispiel die Angst, dass das Kind sich irgendwie falsch entwickeln könnte. Wasweißich: Die Tochter lässt sich im Gesicht tätowieren, wird Satanistin, wählt FDP oder schlimmer noch, bricht die Schule ab, um zu einem Schlagersänger vor eine Fototapete in einem Keller in Castrop-Rauxel-Ickern zu ziehen.

Angst vor anderen Eltern 

Die größte Angst in den Augen von Eltern ist allerdings dann zu sehen, wenn die oder der Kleine eingeladen ist. Zum Kindergeburtstag. Da sind dann in der Regel die sieben, acht Mitkinder aus der Maikäfergruppe versammelt, aber – und jetzt kommt das Problem – sie sind nicht allein.

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer 

(Ein-)gemischtwarenladen. Autor (heute Show, Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen

Weil der kleine Mauritz ja an einem Muffin ersticken oder sich mit einer Nussecke ein Auge ausstechen könnte, hat er natürlich Mama und Papa dabei. Und da endet dann die Gemütlichkeit. Denn nichts fürchten Eltern so sehr wie: andere Eltern.

Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass das eigene Kind mit dem da auf die Schaukel geht, ist man auf so einem Kröten-Konvent gezwungen, auch noch mit den Erzeugern dieses rotznäsigen Schienbeintritts abzuhängen. Und mit ein paar anderen, die alle die Sehnsucht eint, den Ort so rasch wie möglich zu verlassen.

Schon Familienfeiern haben wenig Erbauliches, aber Kindergeburtstage sind unerträglich. Man hält sich panisch zitternd an seiner Sektflöte fest und starrt in Richtung des Zellknäuels, in dem sich der eigene Nachwuchs gebärdet wie der Rest der Pavianhorde, die vor Kurzem noch die hoffnungsvolle Generation Europas war.

Irgendwann lässt sich Konversation mit den Miteltern nicht mehr vermeiden, und so plänkelt man sich durch Allgemeinplätze, die vorrangig dem Ziel dienen, herauszufinden, warum sich die Gastgeber so eine Bude in dieser Lage leisten können. Und warum sie es zulassen, dass ihre Blagen jeden Raum in dieser Superwohnung zu einem Spielzimmer machen.

Der in einem hochkriechende Frust wird lediglich von der Erkenntnis abgemildert, dass die eigene Tochter allen Kindern motorisch und sprachlich weit überlegen ist. Klar.

Es gibt nur noch Kindergeburtstage der Superlative 

Früher waren Kindergeburtstage einfach. Gut, nicht für meine Mutter. Waren sechs Kinder eingeladen, musste sie für 14 Kinder einkaufen, weil ich es nicht übers Herz brachte, zu Mitschülern Nein zu sagen, wenn sie fragten, ob sie auch kommen dürfen. Das war ein Spaß.

Aber oft war man ja auch gar nicht zu Hause. Sondern belästigte zusammen mit sechs anderen den bedauernswerten Studenten, der im Ronald-McDonald-Kostüm in der Zelebrationsecke der Burgerbraterei stand.

Das hat Geld gekostet, war aber doch vergleichsweise preisgünstig. Inzwischen haben Kindergeburtstage ja solche Dimensionen angenommen, dass man sie kaum noch von einer Superbowl-Halbzeitshow unterscheiden kann.

Hüpfburgen, Pferderennen, Ritterspiele: Jede Gartenparty einer Sechsjährigen wirkt heute so, als hätte Roland Emmerich Regie geführt.

Und warum?

Weil jeder Elternteil froh ist, wenn die Miniatur-Karl-May-Festspiele da draußen im Garten so viel Spektakel bieten, dass man nicht in die Verlegenheit kommt, sich mit den Eltern der Gäste unterhalten zu müssen.

Und jetzt stören Sie mich nicht länger: Ich muss noch einen 1:4-Nachbau von Schloss Neuschwanstein aus Pappe besorgen – das Kind wird im Sommer fünf.

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