Nils Mönkemeyer stellt neue CD vor: ‘Plötzlich fehlt der süßliche Kitsch’

München – Er hat schon öfters Barock gespielt. Mit seinem neuen italienischen Album spannt der Bratschist Nils Mönkemeyer jedoch den Bogen von Antonio Vivaldi und Giuseppe Tartini über Alessandro Rolla und Niccolò Paganini bis hin zu Salvatore Sciarrino.

Noch dazu begleitet ihn das Originalklang-Ensemble “L’arte del mondo” von Werner Ehrhardt. Eine spannende, kühne Zeitenreise. Ein AZ-Interview.

Ein perfekt poliertes Ergebnis interessiert Mönkemeyer nicht mehr

AZ: Herr Mönkemeyer, was ist der Ausgangspunkt Ihrer CD?
NILS MÖNKEMEYER: Die “Sonata per la Grand’ Viola e Orchestra” op. 35 von Paganini. Ich habe mich sehr damit beschäftigt, auf welchen Instrumentarium er gespielt hat: von der Schulterstütze bis zur Besaitung. Es gibt einen Brief, in dem er Darmsaiten bestellt. Deswegen habe ich die CD mit diesen Saiten eingespielt, auch Sciarrino. Sonst aber wollte ich alles durchspielen, wie im Konzert.

Warum?
Die Erwartung ist, dass man nach der Aufnahme ein perfekt poliertes Ergebnis bekommt. Aber das interessiert mich nicht mehr. Es gab nur minimalste Schnitte bei groben Fehlern, sonst aber wollte ich alles auf eine Karte setzen. Alle Kadenzen wie auch sämtliche Verzierungen habe ich improvisiert. Es sind Momentaufnahmen. Wenn dieser eine Durchlauf nicht gelingt, habe ich Pech.

Nervös vor der Aufnahme: “Ich wollte den Tanz auf dem Seil wagen”

Hatten Sie Muffensausen vor der Aufnahme?
Bis einige Monate vor dem Termin hatte ich das Gefühl: “Bist Du eigentlich völlig durchgeknallt?” Ich wollte aber nicht mit Angst in die Aufnahme gehen, sondern den Tanz auf dem Seil wagen. Sollte ich herunterfallen, ist es auch gut. Ich wollte es im Karton rappeln lassen, und das geht nur, wenn man keine Angst hat. Nach mir die Sintflut!

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Allein das Repertoire ist tückisch, oder?
Oh ja, nehmen Sie nur Paganini: Das hat technisch sehr viele Anforderungen, die sonst auf der Bratsche kaum vorkommen. Ich spiele so etwas für gewöhnlich nicht. Gleichzeitig habe ich entschieden, dass ich es auf historischem Instrumentarium machen möchte. Es ist wirklich ganz anders, Paganini mit klassischem Mozart-Bogen zu spielen. Ich musste meine Klangvorstellung von Paganini total überdenken. Die Corelli-Variationen von Tartini spiele ich wiederum mit dem verlängerten Tartini-Bogen. Zudem habe ich Salvatore Sciarrinos “Di volo” aus den “3 Notturni Brillanti” von 1975 mit Barock-Bogen aufgenommen.

“Wer die italienische Musik reflektiert, kommt um Sciarrino nicht herum”

Aus welchem Grund?
Seine Musik ist so fein und filigran, dass ich es mit Barock-Bogen konsequenter fand. Das ist viel einfacher zu spielen als mit einem modernen Bogen, der wie ein Mercedes schwer auf den Saiten liegt. Plötzlich kamen die flüsternden Töne, ohne dass ich mich anstrengen musste. Die Musik Sciarrinos ist detailreich wie ein Kaleidoskop. Auch deswegen war es folgerichtig, sie mit einem detaillierten Instrumentarium aufzunehmen.

Dass seine Figurationen eine Brücke zur Renaissance und zum Barock schlagen, ist bekannt. Warum setzen Sie aber Sciarrinos zeitgenössische Musik wie eine Kadenz in die Sonata Paganinis?
Wer die italienische Musik reflektiert, kommt um Sciarrino nicht herum. Seine Solostücke für Bratsche entsprechen zudem den “Capricen” für Geige von Paganini, weil er unsere Erwartung an den Bratschenklang negiert. Warm, dunkel, etwas rauchig, auch verschleiert: Bei Sciarrino ist das alles plötzlich weg, und es erwächst eine hohe, nicht ganz reale Klanglichkeit. Es gibt von ihm auch Solostücke für Geige, die aber viel eindeutiger sind. Sein Bratschenklang ist nicht ganz zu fassen. Dieses Aufbrechen der Erwartung ist eine augenfällige Verwandtschaft zwischen ihm und Paganini.

Darmsaiten waren für Mönkemeyer “eine Erleuchtung”

Wie erreichen beide das konkret?
Indem sie Klanglichkeit erweitern und Grenzbereiche der Instrumente ergründen. So hat Paganini zuvor ungenutzte Spieltechniken eingesetzt, etwa das Spiel auf tieferen Saiten in sehr hoher Lage. Das gibt einen heiseren, nasalen Klang. Mit Darmsaiten ist das viel auffälliger als mit modernen Saiten. Die Rauheit Paganinis ist mir erst durch die Darmsaiten bewusstgeworden. Plötzlich fehlt der süßliche Kitsch. Zudem nutzen beide oft übernatürlich wirkende Flageolett-Klänge oder das verfremdende Spiel am Steg. Auch darum gibt es keinen Bruch in der Spielweise.

Gilt das nicht auch für Vivaldi, von dem Sie die g-moll-Konzerte RV 495 und 416 aufgenommen haben?
Absolut! Über Vivaldi wird berichtet, dass er ganz oben auf dem Griffbrett spielen konnte, wobei die Töne kaum noch zu hören waren. Mit modernen Stahlsaiten ist dieser Effekt nicht zu erzielen. Die Darmsaiten waren für mich wie eine Erleuchtung. Alle diese Klänge konnte ich zuvor nicht erzeugen. Ich habe mich gefühlt wie ein Zeitgenosse von Vivaldi, Tartini oder Paganini, der diese Spieltechniken und Wirkungen gerade entdeckt.

Musik für Bratsche von Vivaldi bis zur Gegenwart

Mit der “Romanza nell’Otello” sowie dem “Arpeggio” in Es-Dur von Alessandro Rolla sind zudem zwei Ersteinspielungen vertreten. Warum sind die Bratschisten so träge, wenn es um die Erschließung ihres ureigenen Repertoires geht?
Ist doch gut, dann kann ich es machen . Hier passte Rolla ganz wunderbar, weil er ja der Lehrer von Paganini und gleichzeitig Bratscher war. Er hat ein großes Werk hinterlassen, das auf Tartini verweist: weil es ebenfalls pädagogischer Natur ist. In den Werken, die ich ausgesucht habe, wird deutlich, wie sehr der Belcanto auch den Instrumentalstil in Italien geprägt hat. Das ist extrem spannend. Es gibt ein riesiges Bratschen-Oeuvre von Rolla zu entdecken, allein 57 Solokonzerte, zahllose Sonaten und diverse Solostücke. Vieles schlummert im Mailänder Konservatorium.

Nils Mönkemeyer: Vivaldi, Paganini, Tartini, L’Arte del mondo, Werner Ehrhardt, bei Sony Classical.

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