Schreialarm auf der Fashion Week Berlin: Das Gastmanagement-Gate

Für alle, die sich in diesen wilden Zeiten mal für ein paar Augenblicke auf ein leichtes, im gesamthistorischen Kontext eher unbedeutendes Spektakel konzentrieren möchten, ist endlich wieder Fashion Week in Berlin. Der Modezirkus gastiert in der Hauptstadt und zieht nach einigen Saisons als covid-beschränkte Miniaturwunderland-Ausgabe wieder selbsternannte Modeblogger und die D-Promi-Elite in seine Front Rows. Im Prinzip ist die Fashion Week Berlin das Dschungelcamp für alle, die Haute-Couture richtig aussprechen können. Und ich darum natürlich mittendrin.

Eine KolumnevonMarie von den Benken

Diese Kolumne stellt die Sicht von Marie von den Benken dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Die Winter-Modewoche im noch jungen Jahr startet erstmals ohne ihren langjährigen Hauptsponsor, einem Automobilkonzern aus Stuttgart. Sonderlichen Einfluss auf das Niveau der Kollektionen hatte man als Fahrzeugbauer ohnehin nicht, insofern erzeugt der Aderlass keine sonderlich spürbaren Effekte. Gut, im Tagesgeschäft prangt jetzt nicht mehr auf jeder Servierte, jeder FFP2-Maske und jedem Kaffeebecher ein Automobil-Logo und es stehen nicht überall in der Stadt monströse SUV im Parkverbot, auf die Namen von offenbar per Zufallsgenerator ausgewählten Instagram- und TikTok-Influencern gedruckt sind. Früher tummelten sich auch schon mal Supermodels oder Stars wie Madonna auf den Modeevents an der Spree, heute ist man schon froh, wenn es wenigstens die dritte Garde GZSZ-Darsteller an den Laufsteg schafft.

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Ach ja, doch: Eine sichtbare Auswirkung hat der Ausstieg der Traditionsautomarke doch. Die Fashion Week verliert ihre traditionelle Basis-Location. Bislang hatte der Hauptsponsor stets eine mal mehr, mal weniger spektakuläre Hauptlocation gestellt, in der der Großteil der Designer-Shows stattfanden. Über die Jahre gastierte die Modewoche so beispielsweise in weißen Zelten am Bebelplatz, im Erika Hess Eisstadion, im Kaufhaus Jandorf, Im E-Werk, im Kraftwerk und zuletzt im Telegraphenamt. Die Designer, die keine eigene Location für eine im Prinzip nur knapp 10-minütige Défilé Show vorhalten möchten oder können, stehen also plötzlich ohne Rahmen da. Das ist womöglich auch der Grund, warum sich einige Urgesteine der Berliner Fashion Week diesen Januar nicht mit eigenen Shows in den Modewochen-Trubel stürzen. Marina Hoermanseder, Dawid Tomaszewski, Sportalm oder Michael Michalsky – um nur ein paar wenige zu nennen.

Andere Lokalpatrioten der Berliner Modewoche dagegen haben den Location-Schock besser verarbeitet und die neue Situation zu einem prinzipiell durchaus gar nicht so unsinnigen Fashion-Joint-Venture genutzt. Die Designer Rebekka Ruétz, Marcel Ostertag, Kilian Kerner und Danny Reinke haben sich zusammengeschlossen, „ihre Egos zurückgestellt“ und in den Bolle-Festsälen zu viert eine Art Ersatz-Basislager für Fashion-Süchtige geschaffen. Sie bieten eine interessante Räumlichkeit, chillige Atmosphäre mit Lounge-Charakter vor und zwischen den Shows und wirklich bemerkenswerte neue Kreationen auf dem Laufsteg – allerdings leider auch ein katastrophales Gästemanagement.

Das darf man – ein ganz wichtiger Hinweis an dieser Stelle – allerdings nicht Rebekka Ruétz, Marcel Ostertag, Kilian Kerner oder Danny Reinke ankreiden. Für das Einladen der Gäste, das Erfassen der Zusagen und vor allem die Zugangskontrollen am Veranstaltungstag werden bei so großen Events Agenturen beauftragt, die darauf spezialisiert sind. Im Fall von „W.E4.“, wie sich die vier Mode-Musketiere diese Saison nennen, wurde da leider spektakulär auf das falsche Pferd gesetzt. Ich habe in den letzten Jahren zahlreiche Fashion Weeks in Paris, London, Mailand, New York und Berlin erlebt. Da funktioniert der Einlass der Gäste mal reibungslos, mal stotternd, manchmal auch recht unterirdisch – aber nirgendwo gab es jemals ein gleichsam so chaotisches, inkompetentes und gleichsam bemerkenswert unfreundliches Gastmanagement, wie bei „W.E4.“.

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Wer schreit hat immer Recht

Als kleine Appetithappen, und um mein Urteil über das Gastmanagement bei „W.E4.“ auch mit ein paar Fakten zu unterfüttern, hier ein kurzer Highlight-Streifzug. Vorweggesagt: Ich persönlich hatte keinerlei Probleme, alle Shows zu sehen. Es geht mir also nicht darum, mich hier im Nachtreten-Modus darüber zu echauffieren, irgendwo nicht rein gelassen worden zu sein. Ich berichte lediglich, was ich vor Ort erleben musste, als ich bereits Zugang zur Location erhalten hatte. Zunächst begann der „W.E4.“ Tag deutlich verspätet. Das ist allerdings Normalität auf der Fashion Week. In diesem Fall allerdings startete schon der Einlass zur ersten Show am Vormittag mit einer knappen Stunde Verzögerung. Glück für „W.E4.“, dass Berlin sich zwar recht kalt, aber wenigstens trocken zeigte. Hätte es geregnet, wären vermutlich knapp 50 Prozent der Gäste sicherheitshalber wieder abgerückt. Die mühsam zusammengestellten Outfits im „Begossener Pudel“-Modus auf dem Roten Teppich den Heerscharen von Fotografen zu präsentieren, das hätte bei vielen Modejunkies Fluchtreflexe ausgelöst.

Oben vor der Eventfläche, wo man sich an Schaltern akkreditiert, um in den erlauchten Kreis der Showgäste zu gelangen, staut es sich. Auch das: nichts Ungewöhnliches im Termin-Dschungel der Fashion Week. Der Umgang mit der Situation beginnt aber bereits dort etwas, sagen wir mal, bemerkenswert zu werden. Durch die lange Wartezeit gibt es einige Unzufriedenheit und auch Rückfragen bei vielen Gästen. Diese Rückfragen werden nicht beantwortet. Kommuniziert wird eher im Stil: „Ja, sie haben jetzt eine Stunde gewartet, aber ich bin schon seit sechs Uhr morgens hier“.

Unangenehm wird es, als sich einige Listenfehler offenbaren. Im Innenraum hört man an jeder Ecke, dass irgendwer genervt abgerauscht ist, weil er trotz offizieller Einladung, die er gar per E-Mail auf seinem Handy dokumentieren konnte, keinen Zugang erhielt. Mir wird es später am Backstage-Bereich ähnlich gehen, weswegen ich einen Termin mit Kilian Kerner nicht wahrnehmen kann. Als ein paar meiner Freunde, die zu persönlichen Gästen eines Designers zählen und deren Freundinnen sogar bei einer der Shows laufen, angeblich nicht auf der Liste stehen, versuche ich, freundlich zu vermitteln. Ich mache die scheinbar für die Leitung des Listen-Teams zuständige Dame darauf aufmerksam, dass die Jungs sowohl eine persönliche Einladung des Designers dabeihaben, jederzeit die Handynummer des Designers anrufen könnten oder eine blitzschnelle, kurze Rückfrage beim Team des Designers den Fall innerhalb von Sekunden auflösen würde.

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Die durch die Gesamtsituation offenbar nicht nur überforderte, sondern auch am Rande eines selbstverursachten Nervenzusammenbruchs stehende Gesprächspartnerin reagiert mit einem, sagen wir mal freundlich, recht lautstark vorgetragenen Tutorial darüber, dass sie diese Story jeden Tag 100-mal hören würde und dass sie sich nicht um jeden Quatsch kümmern könne. Unter uns: „Quatsch“ hat sie nicht gesagt. Ihre Vokabel kam aus der Fäkalsprachenkiste. Nachdem ich einige Male andeute, ich könne mir lebhaft vorstellen, dass es zahllose Superschlaumeier gibt, die glauben, sie könnten sich mit der Story, sie wären der Neffe des Chefs oder die Freundin des Designers, Zugang erschleichen. In diesem Fall jedoch wäre die Authentizität der Aussage ja über mehrere Belege sofort ermittelbar, wenn man nur mal kurz zehn Sekunden weniger echauffiert zuhören würde.

Ich ernte einen weiteren schimpfwortgetränkten Vortrag nebst dem Hinweis, ich solle mich trollen. Gleichzeitig wird ein Security-Verantwortlicher in Stellung gebracht, der erstmal prüfen soll, ob ich überhaupt über eine gültige Zugangsberechtigung verfüge und sicherstellen, dass ich keine weiteren offiziellen Gastmanager anspreche. In diesem Kreisch-Szenario stellt sich mir plötzlich ein bekannter Autor zur Seite, der der Dame den freundlichen Hinweis gibt, sie solle sich eventuell überlegen, ob es wirklich angebracht sei, hier öffentlich Gäste anzuschreien. Das jedoch lässt die Situation eskalieren. Die scheinbar für das Gästemanagement verantwortliche Dame schreit sich nun in Rage. Sätze wie „Mansplaining brauche ich jetzt nicht“ werden in den ansonsten so schönen Morgen gekeift. Ich breche das, naja, Gespräch ab und notiere mir, dass der medial aktuell so prominent besprochene Fachkräftemangel inzwischen auch den Dienstleistungsbereich „Gastmanagement“ erreicht hat.

Die geschilderte Episode ist natürlich nur eine Randerscheinung und schmälert die grandiosen neuen Kollektionen und die mutige Idee von Rebekka Ruétz, Marcel Ostertag, Kilian Kerner und Danny Reinke in keiner Weise, sich als „W.E4.“ zusammen zu tun. Sie zeigt aber leider auch: Egal, wie fantastisch deine neue Kollektion ist – wenn du das Pech hast, die falschen Dienstleister für eigentlich vollkommen selbstverständliche Prozesse zu haben, schmälern Dinge, die ansonsten geräuschlos deinen großen Showtag begleiten, plötzlich die Grundstimmung deiner Gäste. Und das, ohne dass du etwas dafür könntest – und im Zweifel sogar, ohne dass du es bemerkst. Ich jedenfalls hoffe sehr, dass Rebekka Ruétz, Marcel Ostertag, Kilian Kerner und Danny Reinke mit „W.E4.“ im Sommer auf die Fashion Week zurückkehren. Das Gästemanagement ist mir letztendlich egal. Klar ist: Ohne diese vier Koryphäen der Berliner Modewoche ist die Fashion Week wirklich am Ende. Man kann sogar den Abgang von Hauptsponsoren überleben – aber nicht, wenn die interessantesten Designer des Landes die Segel streichen. Ich freue mich also auf den Sommer. Und nächste Woche geht es hier auch wieder um Hubert Aiwanger, Boris Poistorius und Juli Zeh. Versprochen!

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