Sir Simon Rattle: Alpensinfonie mit Brucknerdisco

Ein Kollege nannte, wenn die Erinnerung nicht trügt, dieses vor fast 20 Jahren in Donaueschingen uraufgeführte Werk eine “Bruckner-Disco”. Tatsächlich lassen sich Linien zwischen dem oberösterreichischen Symphoniker und dem 1953 in Graz geborenen Georg Friedrich Haas ziehen. Seine Musik ist langsam, setzt ganz auf den Klang, sie hat etwas Mystisch-Meditatives. Und nach über einer Stunde überstrahlt ein dröhnender Hornchoral alles.

Klassische Musik mit Stroboskopblitzen

Für die Disco fand die musica viva des Bayerischen Rundfunks eine schlüssige Lösung. Haas hat eine ausgefeilte Lichtregie vorgeschrieben. In einzelnen Passagen spielen die Musiker, ohne die Noten lesen zu können, in einer von Stroboskopblitzen durchzuckten Nacht. Das ist bei einem Livestream schwierig. Die Bild- und Lichtregie zeigte das mit nie nachlassender Spannung spielende Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in den Passagen ohne Licht über Infrarotkameras in grisseligem Schwarzweiß. Natürlich würde das alles im Saal intensiver wirken, aber unter den obwaltenden Umständen überzeugte die Notlösung.

Die Gegenwart gehört dazu

Simon Rattle zeichnete sich bisher nicht durch übermäßige Bruckner-Kompetenz aus. Aber die wächst bisweilen mit den Jahren, und Haas beherrscht er schon jetzt. Der designierte Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters erwies sich im ersten Konzert seit seiner Ernennung nicht nur als erfindungsreicher Dramaturg, sondern auch als höchst motivierender Trainer, der aus den Musikern maximales Engagement herausholt. Auch wenn dieses Konzert schon länger geplant war, darf man die an diesem Abend vorgeführte Spannbreite programmatisch verstehen: Er ist der erste Chef dieses Orchesters, bei dem die Musik der Gegenwart selbstverständlich dazugehört.

Alte Aura mit modernen Instrumenten

Vor der mikrotonalen Bruckner-Disco gab es Henry Purcells “Music for the Funeral of Queen Mary”. Die Posaunisten des Orchesters bewiesen, dass man auch mit modernen Instrumenten eine Aura alter Musik erzeugen kann, der von Duncan Ward einstudierte Chor des Bayerischen Rundfunks sang die drei Anthems schlank, klar und vibratoarm und trotzdem das Herz des Zuhörers ansprechend. Die Bläser und Schlagzeuger hatten bereits zuvor in Olivier Messiaens “Et exspecto resurrectionem mortuorum” Klangschönheit mit Kraft zusammengebracht. Der zweite Satz brachte einen wunderbar zurückhaltenden Dialog zwischen Flöte und Oboe, und das unablässig gesteigerten Finale organisierte Rattle als kontrollierten Orchester-Ekstase. Nur die Schlussakkorde klingen nicht ganz so sauber wie bei den Berliner Philharmonikern aus. Aber an irgendwas soll Rattle in seiner vorerst fünfjährigen Amtszeit ab 2023 auch noch arbeiten müssen.

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Schwierige Uraufführung

Etwas schwerer hatte es die Uraufführung am Beginn des zweiteiligen Abends. Ondøej Adámeks “Where are You” lässt die Solistin erst nach den Lauten für den Titel suchen, was reichlich abgegriffen wirkt. Auch das Spiel der kurzen, häufig wiederholten Elementen läuft zu glatt ab, wie aus einer Spieldose. Es ist auch nicht jedermanns Geschmack, der Mezzosopranistin, Dirigentengattin und Widmungsträgerin Magdalena Kožena 20 Minuten beim opernhaften Beten zuschauen zu müssen. Textgrundlage des Stücks ist die Gottesbegegnung des Propheten Elia auf dem Berg Horeb. Nach viel performativem Kasperltheater erklingen vor dem Auftritt Gottes Sturm, Erdbeben und Feuer wie in der Alpensinfonie. Wenn das “stille, sanfte Sausen” anheben müsste, in dem der Herr erscheint, endet das Stück. Das ist etwas billig. Wenn nicht alles täuscht, steckt in Haas agnostischer Bruckner-Disco mehr Spiritualität wie in Adámeks doch sehr plakativer Bibel-Vertonung.

Die beiden Konzerte der musica viva unter Simon Rattle können in der Mediathek von BR Klassik nachgehört und -gesehen werden.

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