‘Was wir wollten’ mit Elyas M’Barek: Jetzt mal Spaß beiseite

Der Bruch mit dem Image kann für Schauspieler schmerzhaft sein. Einen regelrechten Einbruch erlebte einst Karlheinz Böhm, der mit dem Psychoschocker “Augen der Angst” den jungenhaften Kaiser Franz Joseph I. aus der “Sissi”-Reihe vergessen machen wollte, darüber aber seine Fans vergaß, die ihm danach nicht mehr (ins Kino) folgen wollten.

 

Ein Kinderwunsch, der nicht in Erfüllung geht

Sanfter, aber nicht weniger engagiert, driftet nun Elyas M’Barek nach seinem Auftritt als engagierter Anwalt in “Der Fall Collini” in dem Beziehungsdrama “Was wir wollten” noch weiter weg vom Image des gut gelaunten Sprücheklopfers und Frauenschwarms. Aber M’Barek muss den scharfsinnigen wie sensiblen, für Österreich ins Oscarrennen gehenden Film der Regiedebütantin Ulrike Kofler nicht alleine tragen.

Im Zentrum steht vielmehr seine herausragende Schauspielpartnerin Lavinia Wilson. Wie betäubt sitzen Alice (Wilson) und ihr Mann (M’Barek) gleich in der ersten Szene vor ihrer “Scharfrichterin”: der Gynäkologin. Gespielt wird sie von Maria Hofstätter, eine durch die kompromisslosen Filme von Ulrich Seidl (“Hundstage”) bekannte Darstellerin, die hier in einer denkwürdigen Szene ähnlich kühl und brutal ausführt, dass der Embryo des Paars leider keinen Herzschlag mehr hätte und nach der 4. Hormonbehandlung der Traum vom eigenen Kind vielleicht doch besser aufgegeben werden sollte.

Den Schock will das gut situierte Paar, das ganz dem Klischee entsprechend gerade am Eigenheim im Grünen baut, im Warmen, im Sardinienurlaub verdauen. Doch die Auszeit von der bitteren Familienplanungs-Realität, bekommt Risse, als im Bungalow nebenan die lockeren Südtiroler Christl (Anna Unterberger) und ihr Mann (Lukas Spisser) einziehen – mit ihren anstrengenden Kindern!

Wenn der Ehemann plötzlich jeder Intimität aus dem Weg geht

Auf so engem Raum kreuzen sich bald die Wege, kommt die Kinderfrage schnell aufs Tableau und reißt damit besonders bei Alice, die von Alternativen wie Adoption nichts wissen will, längst nicht vernähte Wunden auf. Grandios die Szene, als das vorlaute Kindergarten-Blondchen die verdutzte Alice in Augenschein nimmt und sie einfach mal – ganz ehrliches Kind – als “traurige Frau” identifiziert. Für weitere Tiefschläge ist dann der Ehemann zuständig, der sich auf keine tieferen Diskussionen einlassen will, jeder Intimität aus dem Weg geht, und lieber kumpelig mit dem neuen Nachbarn sportelt oder ein wenig zu lang die auf Brusthöhe entblößte Hobbyastrologin Christl mustert.

Was Koflers in seiner Konstellation und Dialogschärfe stark an Maren Ades “Alle anderen” erinnerndes Kammerspiel so berührend macht, ist der Verzicht auferwartbare Rührseligkeiten. Der Streit voller Wut und Trauer bleibt lange aus, im Inneren werden die Kämpfe ausgefochten, unbequeme Fragen gestellt, bis der unvermeidliche gemeinsame Grillabend dann doch den Knalleffekt bringt, letztlich aber ganz neue Dramen eröffnet, mit dem als Pubertier- abgekanzelten Nachbarssohn im Zentrum. Umso bedauerlicher, dass so ein lebenskluger, leiser, sich niemals an den Mainstream anbiedernder Film über ein Immer-noch-Tabuthema wegen Corona nicht einmal in seinem Entstehungsland Österreich ins Kino kommt. Eine bedauerliche Tatsache, die auch M’Barek gegenüber seinen 2,5 Millionen Instagram-Followern beklagt.

Er selbst war noch nie so gefordert wie hier, weil seiner natürlichen Redegewandtheit und seinem Charisma beraubt.

Dieses reduzierte Spiel an der zur Rolle passenden Grenze zur Überforderung nimmt Alice und damit auch der Film bei einer Wanderung kongenial auf, als sie ihn scharf kritisiert: “Du kannst nichts anderes als ausweichen, mit deinen Witzen und deinem Körper!” Ein böser Vorwurf, den letztlich auch der in manchen Kreisen belächelte Elyas M’Barek am Ende entkräften will – und kann!

Ab 11. November auf Netflix, R: Ulrike Kofler (A, 93 Min.)

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