"Der Populismus steht klingelnd vor der Tür"

Ein Comeback zur semi-optimalen Zeit: Jan Delay meldet sich zurück. Und er hat einiges zu sagen. Mit t-online spricht er über Aluhüte in Batik-Shirts, den Rechtsruck in Deutschland und die Ich-Kultur.

Sieben Jahre ist das letzte Soloalbum von Jan Delay schon her. Zwar hat der Hamburger mit seiner Band Beginner noch etwas Musik gemacht, aber den “Mercedes Dance” hat man in den Charts dennoch vermisst. Mit “Earth, Wind and Feiern” legt er nach.

Und der Rapper halt viel zu erzählen. Gerade die aktuelle Situation zwischen Corona-Pandemie und Rechtsruck besorgen den Vater einer Tochter, wie er im Interview verrät.

t-online: In Ihrem Song “Spaß” heißt es: “Ist schon alles trist, wenn man besorgter Bürger ist”. Die Platte war vor der Pandemie fertig. Aber da hatten wir ja auch schon Bewegungen wie Pegida. Wie sehr treibt Sie die Sorge um, dass Deutschland nach rechts rutscht?

Auf jeden Fall. Was wir in den letzten zwei, drei Jahren erlebt haben, besorgt mich schon sehr.

Und zumindest in dem Song sind noch nicht mal Querdenker und Verschwörungstheoretiker berücksichtigt. Wird das durch Aluhüte und sonstige neue Gruppierungen alles nur noch schlimmer?

Meine Angst ist nicht weniger geworden, aber man verspürt schon Erleichterung, wenn zum Beispiel Trump abgewählt wird oder eine grüne Bundesregierung immer näher rückt. Aber die Gefahr ist noch immer da. Der Populismus steht klingelnd vor der Tür. Man muss gucken, wie man damit umgeht. Im Moment finde ich es interessant zu sehen, dass sich einige Bewegungen zerstreiten. Dadurch zerfällt etwas auf dieser Rechtsruckseite. Corona hat denen auch nicht gerade in die Karten gespielt. Man muss wachsam sein und immer gegen die Rechten halten.

Während der Pandemie gehen auch Menschen auf den Straßen demonstrieren, die vorher mit links oder rechts nur wenig anfangen konnten. Auf einmal driften sie in Verschwörungstheorien ab. Glauben Sie, da entsteht eine Kluft in der Gesellschaft? 

Das kann man schon kitten, denke ich. Aber so Leute fasse ich nicht unter dem Rechtsruck auf. Was ich so beobachte ist, dass eher so Esoterikmenschen abschwurbeln. Ich sehe auf den Demos immer Erdkundelehrerinnen mit Batik-Klamotten und Birkenstocks, die auf ihre Grundrechte pochen. Da steckt, denke ich, keine Nazi-Ideologie dahinter. Die haben einen Hau. Die hatten den auch schon vorher. Das ist ja immer so mit Leuten, die schwurbeln. Dieser Hau ist jetzt durch Corona oder früher durch geflüchtete Menschen angefacht worden. Irgendein Event kanalisiert die Ängste der Menschen.

Können Sie solche Ängste denn nachvollziehen? Zumindest theoretisch.

Ich denke, dass die Leute oft vergessen, wie gut es uns hier in Deutschland geht. Hier fliegen keine Bomben. Das ist nicht unser Verdienst, sondern unser pures Glück, dass wir halt hier geboren sind und nicht woanders. Wir gehören zur Speerspitze dieser Welt, was den Lebensstandard angeht. Das wird zu oft vergessen. Man sollte sich mal anschauen, was in Indien los ist. Es ist immer nur ich, ich, ich, ich bei uns. Und wenn dieses ich, ich, ich, ich nicht befriedigt wird, dann sind die Menschen direkt unzufrieden und motzen. Das ist echt ‘ne miese Krankheit.

Ist das ein Problem, welches primär wir Deutschen haben?

Das ist durch Social Media noch mal so richtig angetrieben worden. Aber das gibt es überall. Ob in Amerika, in England, in Frankreich oder halt bei uns. Das gibt es aber nicht in Kolumbien, Afghanistan, Indien oder Nigeria. Da wo die Menschen durch Terror und anderen Scheiß leiden, da ist kein ich, ich, ich, ich. Das kommt immer erst auf, wenn die Leute genug Zeit haben, weil sie eben keine Probleme bewältigen müssen.

Jan Delay bei einem Konzert 2019. (Quelle: IMAGO / Future Image)

Kommen wir aber noch mal zur Musik. Im Song “Intro” singen Sie: “Wo hast du gesteckt? Warst viel zu lange weg”. Na, wo waren Sie denn? Das letzte Soloalbum liegt ja schon ein paar Jahre zurück.

Jan Delay: Der eine oder andere hat sicherlich mitbekommen, dass ich ja auch eine andere Band, die Beginner, habe, mit der ich eine Platte rausgebracht habe. Ist auch was her, aber die kam gut an und wir waren damit auch zwei Jahre auf Tour. Von den sieben Jahren, die zwischen den Jan-Delay-Alben liegen, habe ich zwei mit der Beginner-Platte verbracht, zwei waren wir auf Tour, dann habe ich zwei Jahre am neuen Album gearbeitet und dann kam ein Jahr Lockdown. (lacht)

Die letzte Platte, “Hammer & Michel”, kam bei vielen nicht so gut an, weil sie so rockig war. Wie blicken Sie denn heute darauf zurück?

Heute kann ich das objektiver sehen als damals. Grundsätzlich komme ich vom Hip Hop und der Bass-Musik, aber ich mag und höre auch so viel anderes. Ich kann aber nicht von mir auf andere schließen und erwarten, dass die da genauso ticken. Viele haben mir gesagt “Sorry, ich kann mit der Mucke nichts anfangen”. Ich wollte das aber so machen und ich finde das noch immer cool. Man muss auch mal etwas machen, was ein inneres Bedürfnis ist. Damit kann man auch mal auf die Schnauze fallen. Das ist eine gute Erfahrung.

Inwiefern?

Was ich damals nicht verstanden habe, ist, dass man nicht so etwas anderes aufnimmt und dann auf Teufel komm raus einen auf Mittelfinger machen kann. Keine Lust auf Auftritte bei “Wetten das…?” und so zu haben und sich dann noch beschweren, wenn das alles nicht so gut gelaufen ist… Das wäre schon naiv und blöd. (lacht) Das Album war schon ein gutes Lehrgeld.

Hat dieses Lehrgeld dann auch dazu geführt, dass “Earth, Wind and Feiern” auch wieder mehr Party-Mucke als Rockalbum ist?

Tatsächlich war mir klar, dass es bei einer neuen Jan-Delay-Platte keine Vorgaben mehr geben darf. Ob jetzt Rock, Funk oder Reggae – wir wollten nur das machen, worauf wir Bock haben. Fertig war die LP eigentlich schon 2019, im Lockdown-Jahr 2020 habe ich dann noch viel Zeit in die Details gesteckt. Schönschrift sozusagen. Und ich glaube das hört man den Tracks auch an.

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Stecken Sie nicht immer so viel Zeit und Detailarbeit in die Songs?

Nicht in dem Ausmaß. Bei mir ist das so, ich fange immer mit einem neuen Album an, wenn ich auf der ersten Tour bin. Dann ist alles gesagt und gemacht: Interviews gegeben, Videos gedreht, die Platte ist auf dem Markt, die Proben sind gelaufen. Ich kann gut arbeiten, wenn ich nach einer Show geduscht im Nightliner sitze. Da ist man kreativ aufgekratzt und schreibt an kleinen Stücken. Da muss die nächste Platte aber wohl noch etwas länger warten. Ich muss ja erstmal wieder auf Tour gehen. (lacht)

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