Rammstein-Gitarrist im Interview: "Habe auch überlegt, mit der Musik aufzuhören"

  • Rammstein-Gitarrist Richard Kruspe hat die pandemiebedingten Tournee-Verschiebungen genutzt, um mit seinem Solo-Projekt Emigrate das mittlerweile vierte Studio-Album aufzunehmen.
  • Im Interview spricht Kruspe über „The Persistence Of Memory“, Wandel in der Musikindustrie, Meinungsfreiheit in der Corona-Zeit und warum ihn die Inhaftierung eines russischen Fans an die DDR erinnert.

Wie muss man sich den Musiker Richard Kruspe in der Corona-Zeit vorstellen: Als jemanden, der dringend wieder auf die Bühne möchte, oder als jemanden, der die lange Auszeit genießt?

Richard Kruspe: Ehrlich gesagt hatte ich mich schon vor Corona in Isolation begeben, nach der letzten Rammstein-Tournee. Das war vielleicht die größte Tour in unserer Bandgeschichte und als ich anschließend nach Hause kam, bin ich erstmal in ein tiefes Loch gefallen. Ich habe mich zurückgezogen, habe zwischendurch auch überlegt, mit der Musik aufzuhören, weil ich darin keinen Sinn mehr gesehen habe. So eine Depression erlebt man natürlich nicht gerne und wenn man sich keine Hilfe von außen holt, muss man sich extrem stark selbst reflektieren können.

Wie haben Sie wieder zurückgefunden zum Musikmachen?

Ich musste ein bisschen in Erinnerungen schwelgen, wie mit einer Zeitmaschine zurückschauen, wie ich mit Musik angefangen habe, was der Grund war, warum ich Emigrate ins Leben gerufen habe. Dieses Projekt hatte viel zu tun mit meinem Umzug von Deutschland nach New York Anfang der 2000er-Jahre, was für mich damals eine große kulturelle Veränderung und wie ein Neuanfang war. Die Beschäftigung damit hat mir neuen Mut gegeben und ich habe wieder die Lust gespürt, ins Studio zu gehen.

Sie haben jetzt Songs, die zwischen 2001 und 2018 entstanden sind, zum ersten Mal aufgenommen.

Ja, die Songs waren bereits geschrieben, ich habe sie aber stellenweise neu arrangiert, zum Teil Texte verändert und dann alle neu eingespielt und eingesungen.

In „Freeze my mind“ von 2001 singen Sie darüber, wie Sie der Realität entfliehen.

Der Song verkörpert für mich dieses Gefühl, das ich damals hatte, ausbrechen zu wollen aus meinem bisherigen Umfeld, auch aus der Rammstein-Welt, um neue Dinge zu erfahren, sich in einer neuen Welt zu beweisen.

Ist das Album „The Persistence Of Memory“ also inhaltlich eine Rückschau mit gleichzeitiger Weiterentwicklung des Sounds?

Bestimmt. Es gibt ja immer wieder Sounds, die ein Verfallsdatum haben, die man nicht mehr hören will, weil sie überstrapaziert wurden. Wobei ich mich nicht nur beim Sound weiterentwickelt habe, auch beim Arrangement – man lernt ja schließlich dazu.

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Was ist der Grund, dass das neue Emigrate-Album nicht mehr bei einer großen Plattenfirma erscheint?

Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass die Zusammenarbeit mit Majors für mich nicht mehr funktioniert. Wenn ich da in Meetings gesessen habe, war das stellenweise sehr ernüchternd. Da gab es so viel Uninspiriertheit, dass ich manchmal dachte: Das darf doch nicht wahr sein! Vieles wird einfach nur wiederholt, weil es in der Vergangenheit ja auch funktioniert hat, man geht auf Nummer sicher. Wo ich mich dann frage: Wo sind eure neuen Ideen? Ich glaube, dass die Zeit der großen Plattenfirmen vorbei ist. Das war sie eigentlich schon, als sie es zur Zeit von Napster nicht geschafft haben, ihren Platz im Business zu verteidigen. Der einzige Grund, warum Majors heute noch existieren, ist der Backkatalog.

… und Bands wie Rammstein, die auf der ganzen Welt erfolgreich sind.

Für Rammstein war es natürlich wichtig, dass wir eine große Plattenfirma hatten, ohne deren Support hätten wir es nie geschafft, so eine starke Live-Macht zu werden. Und ich verstehe ja durchaus, dass die Plattenfirmen ökonomisch handeln müssen. Doch bei Emigrate war mir wichtig, eine Inspiration zu bekommen. Und die habe ich von Majors nicht mehr bekommen. Was aber auch kein Problem ist, denn es gibt ja viele kleine Firmen, die eigene Ideen haben. Das ist viel spannender und inspirierender, als in so einem Bollwerk von Industrie mitzumachen.

Eine der Überraschungen des neuen Albums ist Ihre Version des Songs „Always on my mind“, den man von Elvis, aber auch von den Pet Shop Boys kennt. Bei Ihnen singt das Stück nun Till Lindemann …

Ursprünglich war die Idee gewesen, bei diesem Song mit der Original-Stimme von Elvis zu arbeiten. Ich hatte seine Version vor ein paar Jahren gehört und war sehr beeindruckt von seiner Performance. Er hat das Stück damals ja in einem oder zwei Takes aufgenommen. Irgendwann habe ich dann aber überlegt, wer außer Elvis noch so eine Stimme hat, die sich so gut durchsetzt – und kam am Ende auf Till.

Er ist zum wiederholten Male auf einem Emigrate-Album, doch auf seinen Solo-Alben haben Sie bislang nicht Gitarre gespielt, oder?

Nein, weil für mich das Augenmerk vor allem auf Musikalität liegt, für mich muss ein Album eine gewisse musikalische Prägung haben, während Till einfach gerne live spielt. Till ist auch jemand, der ziemlich genervt ist von Situationen im Studio, wo ich beim Song-Aufnehmen schon sehr kompliziert sein kann.

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Genießen Sie denn auch den Aspekt, bei Emigrate alleiniger Chef zu sein?

Sicher. Ein Emigrate-Album ist für mich auch wesentlich persönlicher, weil der kreative Prozess komplett bei mir liegt. Trotzdem merke ich immer wieder, dass die Arbeit im Team viele positive Aspekte hat. Manchmal hat man Ideen, von denen man nicht weiß, ob sie gut oder schlecht sind. Durch die Kollegen merkt man dann sehr schnell, ob sie etwas taugen.

Würden Sie den Rammstein-Kollegen ein Emigrate-Album vor Veröffentlichung zum Testhören geben?

Nein, das auf keinen Fall. (lacht) Wobei jemand wie Flake (Rammstein-Keyboarder, Anmerk. d. Red.) demgegenüber wahrscheinlich sehr offen wäre. Wir haben viel Respekt voreinander und sind in einem regen Austausch. Ich höre zum Beispiel regelmäßig seine Radiosendung – und rufe ihn danach an, um ihn zu fragen, was er da wieder für komisches Zeugs erzählt hat. (lacht)

Emigrate gibt es nur auf Tonträger, nicht live. Ist das nicht unbefriedigend für Sie?

Überhaupt nicht. Die Welt des Live-Spielens habe ich mit Rammstein, da habe ich auch nie das Gefühl gehabt, zu wenig live zu spielen.

Auch nicht in der Corona-Zeit? Die neue Rammstein-Tournee wurde schon zwei Mal verschoben.

Konzerte zu spielen, ist sicher ein Teil meines Berufs, aber nur ein kleiner. Dieses Gefühl „Ich muss mich auf der Bühne darstellen“, das hatte ich nie. Für mich war der Moment des Entstehens immer interessanter, der kreative Prozess.

Es heißt, Sie seien beim Thema Gitarre ein richtiger Nerd.

Leider, ja. Ich habe über viele Jahre sehr viel Zeit in Klangfeinheiten investiert, die vermutlich nur 0,05 Prozent der Menschen gehört haben. In so was konnte ich mich sehr schnell verlieren. Inzwischen hat sich das aber etwas verändert. Wenn ich heute ins Studio gehe, aber gerade keine Idee habe, probiere ich nicht ewig rum, sondern versuche dann, mich anderen Dingen zu widmen. In der Corona-Zeit habe ich zum Beispiel für das Haus, in dem ich wohne, einen kompletten Barbershop im New-York-Stil gebaut. Ich verbringe jetzt auch viel mehr Zeit mit meinen Kindern als früher, wo ich immer auch nachts oder am Wochenende im Studio gearbeitet habe. Das mache ich heute nicht mehr. Überhaupt ist mir während der Pandemie besonders klar geworden, dass es im Leben noch so viele andere Dinge gibt als nur Musik.

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Welche Erkenntnisse über unsere Gesellschaft hat Ihnen die Corona-Zeit gebracht?

Natürlich ist die Pandemie so etwas wie ein Brennglas, unter dem bestimmte Probleme besonders sichtbar werden, ob im Schulsystem, bei der Digitalisierung, der Erziehung und so weiter. Interessant war für mich, zu sehen, wie schnell man sich an bestimmte Dinge gewöhnen kann, etwa an Isolation und Einsamkeit – und wie schwierig es ist, aus diesem Zustand wieder herauszukommen. Sozial zu sein, erscheint mir jetzt wie so ein Muskel, den man erst mal wieder trainieren muss. Nicht verstanden habe ich, warum die Politik es nicht geschafft hat, positive Akzente zu setzen, stattdessen stand eigentlich immer das Thema Angst im Vordergrund. Da hätte ich mir gewünscht, dass mehr Mut gemacht wird, dass jemand sagt: Okay, es gibt dieses Virus, aber wir haben auch ein Immunsystem, versucht das doch mal zu stärken!

Einige Künstler sind mit Statements zu Corona und den Maßnahmen an die Öffentlichkeit gegangen. Hatten Sie auch dieses Bedürfnis?

Prinzipiell mache ich mir viele Gedanken, versuche das aber zuerst mit mir und meinem Umfeld auszumachen. Mein Standpunkt ist, dass man immer erst bei sich selbst anfangen sollte, wenn man das geschafft hat, kann man weiter gehen zu Partner und Familie. Aber sich öffentlich hinzustellen, um andere zu belehren, dafür bin ich nicht der Typ.

Im Juni diesen Jahres haben Sie sich auf Instagram zu Wort gemeldet, als in Russland der Nawalny-Mitstreiter Andrej Borowikow zu zweieinhalb Jahren Straflager verurteilt wurde, mit der Begründung, dass er vor sieben Jahren das Rammstein-Video „Pussy“ im sozialen Netzwerk VK geteilt hat…

Normalerweise überlege ich drei Mal, ob ich so etwas poste, andererseits bin auch ein sehr emotionaler Mensch. Als ich die Nachricht von diesem Urteil bekam, war mir klar, dass ich dazu einfach Stellung beziehen musste – weil ich da sehr viel Ungerechtigkeit gespürt habe.

Erinnert Sie diese Form von Repression in Russland an Ihre Zeit in der DDR?

Bestimmt, na klar! Wir sind aufgewachsen mit dieser wahnsinnigen Form von Ungerechtigkeit, in der Form, dass man sich verstellt, sich versteckt, den Mund nicht aufmacht, weil man Angst hat, bestraft zu werden. Die Zensur seiner selbst, die ständige Frage: Wie authentisch bin ich noch, wie weit muss ich mich verbiegen?

Wäre es für die Band als Ganzes schwierig, in dieser Sache öffentlich zu protestieren?

Wenn man Stellung bezieht, erlebt man leider häufig, dass man sofort benutzt wird, für Schlagzeilen, für Quoten. Und je mehr du dann versuchst, dich zu erklären, desto mehr wirst du von Medien auch benutzt, um Missverständnisse zu streuen, das ist meine Erfahrung. Als Band hatten wir immer den Anspruch, uns für nichts und nirgends einspannen zu lassen, weder für eine gute noch für eine schlechte Sache. In diesem konkreten Fall wurden wir als Mittel benutzt, für einen Vorwand. Denn in Wirklichkeit ging es bei dem Urteil ja nicht darum, dass dieser Mensch ein Video von uns geteilt hat. Aber das passiert leider häufig, dass Musiker verantwortlich gemacht werden für Dinge, die in der Welt passieren, dass Kunst missbraucht wird, um von den wahren Gründen abzulenken und um die eigentlichen Probleme zu verdecken.

Sie haben vor ein paar Jahren gesagt, Rebellion liege heute „nicht mehr in Gitarrenmusik, sondern in der Sprache.“ Sind Sie noch Rebell?

Nein, wahrscheinlich nicht mehr. Rockmusik hat heute nicht mehr diese Funktion der Rebellion, die liegt jetzt eher bei einem Genre wie HipHop. Ich frage mich natürlich, wann die nächste musikalische Revolution kommt, kann es die überhaupt noch geben? Wir haben heute so viel Quantität, ich weiß nicht, ob in dieser Masse an musikalischer Information überhaupt noch eine Art von Rebellion entstehen kann. Wünschen würde ich es mir, denn manchmal bin ich schon ein bisschen gelangweilt von der heutigen Musiklandschaft.

Inwiefern war Musik für Sie in der DDR ein Mittel der Rebellion?

Damals spielte die Punk-Idee eine große Rolle, dass man kein studierter Musiker sein muss, um Musik zu machen. Die Botschaft war: Du kannst auch mit drei Akkorden einen Song schreiben und ausdrücken, was du möchtest. Deshalb gab es damals einen Haufen Bands, die einfach losgespielt haben, Leute die das nicht studiert hatten, im Gegensatz zu den Musikern in den eher staatlich-geprägten Bands. Und Rockmusik als solche war damals schon Rebellion, Abgrenzung, ein Schrei nach Veränderung. Ich weiß noch, dass mich meine Eltern sehr oft ermahnt haben, weil ich in meinem Kinderzimmer zu laut Musik gehört habe.

Heute sind Sie selbst Vater von drei Kindern. Sehen Sie sich als Vorbild für Ihre Kinder?

Ganz schwierige Frage. Zuerst muss ich ja Vorbild für mich selbst sein, schon das ist unheimlich schwer. Ich glaube, dass man sehr viele Fehler macht, auch kleine Dinge, die man selbst vielleicht gar nicht als Fehler erkennt, die aber einen einen sehr großen Einfluss auf Kinder haben können. Als ich mit 23 zum ersten Mal Vater wurde, war ich dafür überhaupt noch nicht bereit, heute mit 50 ist es dagegen eine ganz andere Situation. Ich habe jetzt viel mehr Lust und Zeit, was Kinder und Erziehung angeht, und bin dabei, glaube ich, auch etwas „weiser“ geworden. Wenn es früher ein Problem gab, stand ich oft wie ohnmächtig davor. Heute bin ich jemand, der hinguckt und versucht, diplomatisch und gemeinsam mit den Kindern Lösungen zu finden.

Wer war Vorbild für Sie?

Ich hatte ein gutes Verhältnis zu meinem Vater, der aber schon sehr früh nicht mehr da war. Mein Stiefvater war für mich als Jugendlicher kein Vorbild, auch die Schule war es nicht, auch nicht der Staat – ich musste irgendwie selbst klarkommen. In der Musik habe ich später Martin Gore von Depeche Mode und Trent Reznor von den Nine Inch Nails sehr geschätzt, die würde ich aber nicht als Vorbilder bezeichnen, eher als Respektpersonen, vor denen ich große Achtung habe. Dieses „Ich möchte so sein wie der oder die“, das gab es bei mir nie.

In den letzten Monaten wurden Konzerte nicht nur aufgrund von Corona abgesagt, sondern auch, weil Musiker wie Nena mit Äußerungen zur Corona-Politik angeeckt sind. Besorgt Sie das?

Ja, klar. Ich finde, wir müssen wieder lernen zu akzeptieren, wenn Menschen andere Meinungen haben. Man wird heute so schnell in eine Schublade gesteckt, anstatt dass man wirklich über die Dinge redet, über die Ängste, die die Leute umtreiben. Wenn zum Beispiel heute jemand über mögliche Gefahren einer Impfung spricht, wird derjenige sofort in eine Ecke mit Querdenkern gestellt. Das ist mir zu simpel! Ich finde es besorgniserregend, wenn Menschen so eine Angst haben zu sagen, was sie denken. Das ist dann wie Zensur, die wir uns selbst auferlegen.

Spüren Sie denn so eine Angst bei Menschen in Ihrem Umfeld?

Absolut. Allein die Blicke, wenn jemand im kleinen Kreis erzählt, dass er nicht geimpft ist. Da müssen wir wieder offener werden, uns andere Meinungen anzuhören – das ist doch völlig normal! Wir leben in einer Welt, in der Meinungsfreiheit eine ganz wichtige Errungenschaft ist. Doch im Moment nehme ich wahr, dass viele Leute Angst davor haben, bestimmte Dinge zu sagen – und das darf nicht sein, damit habe ich ein Problem.

Macht Ihnen auch die Spaltung der Gesellschaft Sorge?

Es heißt ja oft, dass die gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA etwa 10 bis15 Jahre später auch in Deutschland ankommen. Und wenn ich mir anschaue, was dort passiert, wie Menschen gegeneinander aufgehetzt werden – das ist eigentlich das Schlimmste, was passieren kann, so eine Entwicklung müssen wir verhindern. Ich selbst versuche das in meinem kleinen Rahmen, bin in meinem Umfeld immer offen für Diskussion und höre mir erstmal die Information XY an, ohne mein Gegenüber gleich zu kategorisieren und zu verurteilen.

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