Anne-Marie: "Ich wollte nicht mehr aus dem Haus gehen"

Anne-Marie: "Ich wollte nicht mehr aus dem Haus gehen"

Neues Album "Therapy"

Das neue Album “Therapy” der britischen Popsängerin Anne-Marie (30) erscheint am heutigen Freitag (23. Juli). Songs wie “Rockabye”, “2002” oder “Friends” machten sie weltberühmt. In der Vergangenheit arbeitete Anne-Marie mit namhaften Künstlern wie Sean Paul (48), Ed Sheeran (30) oder Marshmello (29). Auf ihrer neuen Platte zeigt sich die 30-Jährige von ihrer sehr persönlichen und verletzlichen Seite. Sie spricht offen über ihre psychischen Probleme und über ihren Kampf mit der Selbstliebe. Seit einem Jahr geht sie regelmäßig zum Psychologen und stellt sich ihren Ängsten. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erzählt sie, wie die Therapie sie verändert hat und was sie ihren Fans mitgeben will.

Anne-Marie: Bei jedem einzelnen Song, den ich herausbringe, möchte ich, dass er eine Bedeutung hat. Egal ob es darum geht, über Liebeskummer hinwegzukommen oder zu lernen, sich selbst zu lieben – ich konzentriere mich immer darauf, eine Botschaft reinzubringen, die jemandem in irgendeiner Weise hilft. Ich versuche immer, ehrlich zu sein. Ich habe diesen Titel für das Album gewählt, weil ich selbst angefangen habe, eine Therapie zu machen, aber auch, weil ich gelernt habe, wie sehr Musik einem über so viele Hürden hilft. Musik ist wie Therapie.

Anne-Marie: Als ich jünger war, mochte ich mich selbst und mein Aussehen überhaupt nicht. Ich habe immer Songs gehört wie Christina Aguileras “Beautiful” und Lieder von India Arie und Pink. All diese Songs versicherten mir, dass alles ok wird und ich irgendwann lernen werde, mich selbst zu lieben. Das vergesse ich nie und je älter ich werde, desto mehr realisiere ich, wie einflussreich diese Art von Liedern für mich und mein Selbstbild waren. Es erinnert mich daran, dass ich immer einen solchen Song für die Menschen zum Hören schreiben sollte. Ich weiß zwar nicht, ob es tatsächlich ankommt, aber wenn es jemanden dazu bringt, sich selbst besser zu fühlen und er anfängt, sich selbst ein bisschen zu lieben, dann ist das alles, was ich brauche.

Ja. Das hat Spaß gemacht. Wir sind seit zehn Jahren befreundet. Er ist großartig. Sobald man mit ihm ein Lied schreibt oder er ein Lied abspielt, weiß man einfach, dass es gut wird. Das ist ein bisschen nervig (lacht).

Anne-Marie: Ja, jedoch nicht mehr so viel wie früher. An manchen Tagen fühle ich mich aber schon noch so. Das Beste, was ich für mich realisiert habe, ist, dass ich auch an meinen schlechten Tagen weiß, dass es danach immer einen guten Tag geben wird. Ich glaube, damals dachte ich, dass das nie enden würde. Ich denke aber, dass wenn man Hoffnung hat, die von einem selbst kommt, vieles besser wird. Ich habe gelernt, das in mir selbst zu finden, statt bei anderen nach Bestätigung zu suchen. Das ist eine wirklich wichtige Lektion, die ich dieses Jahr gelernt habe.

Anne-Marie: Es ist schwer. Wenn ich mit jemandem spreche, in einem Interview bin, Promo mache oder auf der Bühne stehe, bin ich glücklich, weil ich menschliche Interaktionen liebe. Ich liebe es zu reden und zu singen. Die meiste Zeit, wenn ich unterwegs bin, bin ich also sehr glücklich. Nur wenn ich alleine bin, habe ich ein Problem. Dann habe ich meine wirklich schlechten und traurigen Momente. Das ist mir auch im Lockdown passiert. Ich hatte keine Ablenkung mehr, konnte nicht rausgehen und woanders Glück finden. Ich war allein, saß da und dachte: “Was mache ich jetzt?” Das letzte Jahr war ein Jahr, in dem ich viele Lektionen über das Leben gelernt habe und ich glaube nicht, dass ich diese Dinge gelernt hätte, wenn wir das nicht durchgemacht hätten.

Anne-Marie: Meine Emotionen sind sehr extrem – ich bin entweder richtig glücklich oder richtig traurig. Ich habe so lange versucht, den Mittelweg zu finden. Als der Lockdown kam, habe ich eigentlich gar nichts mehr gefühlt. Ich habe gemerkt, dass ich weder glücklich noch traurig, wütend oder aufgeregt war – ich fühlte mich einfach taub. Das war der Moment, der mir am meisten Angst machte. Ich habe mich vorher noch nie so gefühlt und als mir das klar wurde, wusste ich, dass ich mit jemandem sprechen musste. Das war der Wendepunkt.

Also habe ich einen Therapeuten gefunden und ab da hat sich alles verändert. Ich war schon einmal richtig tief unten, bin dort hängen geblieben und habe gedacht, dass alles schlecht ist und habe mich gefragt: “Wie soll das jetzt noch besser werden?” Ich bin da rausgekommen und weiß jetzt, dass ich es schaffen kann. Wenn ich es schaffen kann, dann kann es jeder.

Anne-Marie: Ich habe gelernt, dass die Art und Weise, wie ich mich fühle, wie ich auf Dinge reagiere und wie ich die Dinge sehe, sich aus dem entwickelt haben, was ich in meinem Leben durchgemacht habe. Es gab Zeiten, in denen ich das Gefühl hatte: “Ich bin einfach ein wütender Mensch und das ist einfach so”. Aber es ist nie “einfach nur so”. Es ist immer wegen etwas, mit dem man sich beschäftigt hat oder was man erlebt hat.

Ich habe versucht, an meinen Ängsten zu arbeiten, denn das war wahrscheinlich das größte Problem, mit dem ich zu kämpfen hatte, weil es so ein Hindernis für mich war. Ich hatte Angstzustände. Ich wollte nicht mehr aus dem Haus gehen oder ans Telefon gehen. Dabei sind das eigentlich alltägliche Dinge, die man tun muss – es hat mein Leben sehr beeinträchtigt. Die Zusammenarbeit mit meinem Therapeuten war wirklich großartig. Ich hoffe nur, dass “psychische Gesundheit” irgendwann einfach unter die Kategorie “Gesundheit” fallen wird. Ich hasse es, dass wir das trennen.

Anne-Marie: Ja, ich gehe einmal die Woche.

Anne-Marie: Ich habe mit psychischen Problemen zu kämpfen, seit ich 14 bin, aber ich wusste nie, was los war. Ich habe einfach mein Leben gelebt und gedacht, dass ich seltsam bin und mir eben ständig Sorgen mache, was die Leute über mich denken könnten – ich dachte, das sei normal. Ich fand viel über meine eigene mentale Gesundheit heraus, als ich andere Menschen sah, die offen darüber sprachen, also möchte ich jetzt offen darüber reden, um es zu normalisieren. Wir müssen uns um unseren Kopf kümmern. Hoffentlich hört also jemand, wie ich darüber spreche und arbeitet auch an seiner Gesundheit.

Anne-Marie: Jeder, der sich jemals dazu geäußert hat. Es muss nicht immer etwas ganz Großes sein. Es kann auch nur ein Tweet oder ein Satz in einem Buch gewesen sein. Es sind vor allem die kleinen Dinge, die mich inspirieren. Was man bedenken muss, ist, dass es nicht immer so offensichtlich ist.

Anne-Marie: Musik war im Lockdown die einzige Möglichkeit für mich, mich wirklich gut zu fühlen und die einzige Art von Freiheit, die ich hatte. Songs zu schreiben, ist wie eine Befreiung. Ich sage den Leuten immer, dass es egal ist, ob man weiß, wie man einen Song schreibt. Man muss sich einfach hinsetzen und überlegen: “Worüber soll ich heute schreiben?” Dann lässt es dem Geist freien Lauf – wie ein Tagebuch.

Mir hilft das Schreiben von Songs, aber auch das Zuhören. Ich kann ein bestimmtes Gefühl empfinden, einen Song auflegen und weinen oder einen anderen Song anmachen und durch mein Wohnzimmer tanzen (lacht). Ich versuche nicht immer zu denken: “Mach dir keine Sorgen, alles wird gut”, denn es ist eigentlich genial zu weinen. Es ist immer gut, diese Emotionen zu fühlen. Wenn ich also traurig bin, lege ich nicht unbedingt einen fröhlichen Song auf – ich möchte ein trauriges Lied hören und weinen.

Anne-Marie: (lacht) Alles von Ed Sheeran! Ich denke, einer dieser Songs ist “Kiss from a Rose” von Seal. Ich weiß nicht warum, aber dieses Lied macht mich emotional.

Anne-Marie: Für mich ist das der einzige Weg, wie ich mich zeigen kann. Wenn ich nicht in der Lage wäre, online ich selbst zu sein, hätte ich das schon lange aufgegeben. Ich muss ich selbst sein, um mich gut zu fühlen. Ich glaube, dass mir das auch ein wenig Raum gegeben hat, Fehler zu machen. Ich möchte, dass die Leute wissen, dass ich nicht alles richtig machen werde und dass ich manchmal Mist baue. Ich denke, die Art und Weise, wie ich mich online präsentiere, spiegelt das wider.

Anne-Marie: Es werden kleine Schnipsel aus meinem Leben erzählt und auch alles, was ich in der Therapie gelernt habe. Eine Instagram-Bildunterschrift, ein Tweet oder ein Song hat nur eine sehr begrenzte Anzahl von Zeichen, in denen ich jemandem eine bestimmte Situation erklären kann. In einem Buch konnte ich wirklich in die Tiefe gehen und alles erzählen. Bücher haben mein Leben verändert und das Lesen hat mir sehr geholfen. Dieses Buch zu schreiben, war für mich sehr befreiend und während ich es schrieb, lernte ich auch eine Menge über mich selbst – es war eine interessante Erfahrung.

Anne-Marie: Gefaltete, frisch gewaschene Kleidung (lacht). Mein Gemüse wächst, das bringt mich zum Lächeln, weil ich im Moment Tomaten habe, die wirklich gut wachsen. Und in diesem Moment: Klimaanlagen. (lacht)

spot on news

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