Der Grenzgänger

Er macht gerne Witze über Adolf Hitler und schießt mit Vorliebe in alle Richtungen. Doch Oliver Polak ist mehr als das Enfant terrible der deutschen Comedyszene. Das beweist er in seiner neuen Serie.

Bei manchen Fragen zögert Oliver Polak so lange mit einer Antwort, dass man sich als Gesprächspartner unweigerlich denkt: Jetzt macht er dich fertig. Doch der 1976 im kleinen niedersächsischen Dorf Aschendorf geborene Sohn eines Holocaust-Überlebenden ist im Interview nicht ansatzweise so schonungslos wie in seiner Humorarbeit. 

Seine langen Pausen haben einen profanen Grund: Er weiß nicht, was er sagen soll. „Ob man den Künstler und die Kunst trennen kann? Ich habe darauf keine Antwort“, sagt Oliver Polak auf die Frage, wie mit Idolen umgegangen werden soll, die in Verruf geraten sind. 

Hart, aber nicht herzlos: Oliver Polaks Comedy testet Grenzen aus

In Oliver Polaks Brust schlagen quasi zwei Herzen: ein versöhnliches und eines, das gerne Grenzen überschreitet. Eine Ambivalenz, die er sich für seine Gags und Gespräche zu eigen macht – und ein oft heikler Drahtseilakt.

Differenzieren, abwägen, sich ein ausgewogenes Urteil bilden: Das klingt überhaupt nicht nach knallharter Comedy. Und doch ist es die Art, wie Oliver Polak in seiner neuen Netflix-Serie „Your Life Is a Joke“ zu Werke geht. Der 45-Jährige trifft in der ersten Staffel die Rapperin Nura, den Schauspieler Christian Ulmen und die Sängerin Jennifer Weist für Tinder-ähnliche Dates, geht mit ihnen essen, plaudert zwanglos über dies und das – und schreibt anschließend ein Stand-up-Programm über sie.

Christian Ulmen: Er muss sich von Oliver Polak einen Roast anhören – und scheint dabei seine Freude zu haben. (Quelle: Netflix)

„Roast“ nennt sich das Ganze im Amerikanischen. „Ganz egal wie vermeintlich hart meine Roasts auch ausgefallen sind, ist es ganz gut, wenn man sich danach noch umarmen kann“, so Polak über sein Format. Auch wenn die Witze über seine Protagonisten teilweise sehr unangenehm sind, werden Nura, Ulmen und Weist in der Netflix-Serie immer lachend ins Bild gerückt. Der Eindruck: Oliver Polak ist lustig – egal wie grenzüberschreitend die Inhalte seines Comedyprogramms auch sein mögen.

Einfach nur zu sagen, „was toll und bewundernswert ist“, finde er langweilig, erzählt Polak im Interview, und er fügt an: „Die menschlichen Schwächen zeigen die lustigen Seiten der Menschen. Ich würde das auch bei meiner Beerdigung nicht wollen: Dass alle nur trauern und Trübsal blasen. Viel schöner ist es doch, wenn man zusammen an die lustigen Momente im Leben erinnert – und dabei kann es ruhig schonungslos ehrlich zugehen.“

Schonungslos, das ist so ein Begriff, der sehr gut beschreibt, was der Comedian, Moderator und Buchautor da macht. Guter Humor tue weh, Schonung sei keine Alternative, so das Motto. Oder wie Oliver Polak es ausdrücken würde: „Für mich gibt es keine Grenzen. Comedy darf und kann alles. Kein Gag ist so hart wie die Realität.“

Oliver Polak: Mit seinem Programm „Jud süß sauer“ 2010 in Mainz. (Quelle: imago/Rau Mainz)

Dabei wird dem Komiker oft vorgeworfen, er wolle nur provozieren. Keine Gesellschaftsgruppe ist vor ihm sicher: Araber, Israelis, Vergewaltigungsopfer, Behinderte, Homosexuelle: Alle wurden schon von Polak durch den Kakao gezogen. Der Tabubruch ist sein Markenzeichen, sein Grenzgängertum berüchtigt. Ein Mann auf dem Minenfeld, ständig in Gefahr, für eine zu wilde Pointe verrissen zu werden. Doch Polak verfolgt mit seinem Humor ein hehres Ziel: „Bewusstes Provozieren liegt mir fern. Ich sehe meine Art des Humors eher als Möglichkeit des Erkenntnisgewinns.“

Erkenntnis? Da müssen wir nachfragen: Was genau meint er damit? „Sie kennen doch diese alten 80er-Jahre-mäßigen Zigarettenautomaten. Manchmal steckt man dort Geld hinein und dann kommt das, was man gedrückt hat, nicht raus. Aber wenn man ein-, zweimal kräftig gegenschlägt, dann schon. Vielleicht ist es so ähnlich auch bei meinen Gesprächen. Man spürt, da ist etwas bei seinem Gegenüber, was einfach nicht raus will. Mit einem Gag schafft man es dann, dass es plötzlich doch aus ihm heraussprudelt. Manchmal muss der Witz vielleicht auch etwas härter sein, wie dieser Schlag gegen den Automaten eben, damit dieser eine verborgene Gedankengang sichtbar wird.“

„Ich führe keine Strichliste darüber, wann ich glücklich bin“

Nicht nur, dass diese Erklärung nachvollziehbar macht, wie Polak arbeitet: Die Art des Erzählens, bildstark und mit pointierter Ausdrucksweise, zeigt die Stärken des einst bei Viva als Praktikant von Stefan Raab tätigen Autors. Seit fast 20 Jahren ist er im Geschäft – und gab in dieser Zeit schon sehr viel Privates von sich preis.

2016 machte er seine 2006 diagnostizierte Hodenkrebserkrankung öffentlich. Zwei Jahre zuvor schrieb er in seinem Buch „Der jüdische Patient“ ausführlich über seine Depression. „Glück ist für mich kein permanenter Zustand“, sagt er heute und fügt an: „Ich führe keine Strichliste darüber, wann ich glücklich bin.“ Er sei derzeit Single und natürlich habe er auch Tinder-Dates. Da gehe es ihm wie in seinem Comedyprogramm: „Auch dort interessiere ich mich für den Menschen und möchte wissen, wie er tickt.“

Oliver Polak: Hier stellte er 2018 als jüdischer Stand-up-Comedian sein Buch „Gegen Judenhass“ vor. (Quelle: IMAGO / Hartenfelser)

Seine Methodik vergleicht er sogar mit einem gewissen Sigmund Freud. Es gehe nicht darum, „jemanden zu vernichten. Viel eher will ich wie Freud mit seiner Psychoanalyse herausfinden, was für ein Mensch hinter der Fassade steckt.“ Die Gags, die er dabei mache, dürften nie zu platt sein. Schadenfreude sei „eine klassische deutsche Eigenart“.

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Polak im Zirkus? „Wahrscheinlich wäre ich der Clown“

Auch wieder so ein Moment, der typisch Oliver Polak ist. Deutscher Humor ist vor allem etwas, über das man sich lustig machen kann. So wie über alles eben. Das Verhältnis von nichtjüdischen und jüdischen Deutschen zum Beispiel. Einer seiner Sprüche in dieser Auseinandersetzung ist längst legendär: „Lassen Sie uns ganz unverkrampft miteinander umgehen […] Ich vergesse die Sache mit dem Holocaust – und Sie verzeihen uns Michel Friedman.“

„Am Ende sind das Witze, die ich mache. Nicht mehr und nicht weniger“, erklärt er und hofft, dass er damit viele weitere Jahre seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Mit der neuen Netflix-Serie solle es jedenfalls nicht so schnell zu Ende gehen und dennoch: Eine zweite Staffel ist bislang nicht bestätigt. Ein Ziel, auf das er hinarbeite, gebe es für Polak nicht. Nur eines wolle er irgendwann unbedingt machen im Leben: „Irgendwann möchte ich mal ein Jahr lang im Zirkus arbeiten.“ Was er dann für eine Rolle einnehmen würde? „Wahrscheinlich wäre ich der Clown“, so Polak.

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