So werden Sexszenen sicher

Sie spielt Theater, trat in internationalen Filmproduktionen auf und ist dem deutschen Fernsehpublikum aus Erfolgsreihen wie "Tatort", "Das Traumschiff" und "Rosamunde Pilcher" wohlbekannt. Neben ihrer Schauspielkarriere betreut die in Berlin lebende Darstellerin Katja Weitzenböck (55) seit einigen Jahren auch als sogenannte Intimitätskoordinatorin Liebes- und Sexszenen bei Filmproduktionen. Alles über den neuartigen Beruf verriet Weitzenböck der Nachrichtenagentur spot on news im Interview.

Im Zuge der MeToo-Bewegung ging vor fünf Jahren ein Aufschrei durch die Filmbranche. Wie entstanden früher, vor MeToo, Liebes- und Sexszenen bei Filmdrehs?

Katja Weitzenböck: Liebesszenen wurden als selbstverständlicher Bestandteil der Schauspielarbeit erachtet – im Gegensatz zu Gewalt- oder Actionszenen, für die gab es schon damals eine Stunt-Koordination. Dass auch intime Szenen eine Gefahrenlage darstellen könnten, daran wurde nicht gedacht. Man ging einfach davon aus, dass die jeweiligen Schauspieler die Szenen intern miteinander absprechen würden. Jeder hat doch Sex, also sollte man ja wissen, wie das geht. Zudem galt es als selbstverständlich, dass die zumeist jungen Frauen jederzeit dazu bereit sind, sich auszuziehen. Erschwerend kam hinzu, dass die männlichen Kollegen meist älter und auch erfahrener waren und sie ihre Vorstellungen ohne Probleme durchsetzen konnten. Das hat natürlich auch die Sehgewohnheiten entscheidend geprägt. Ältere Männer waren mit jüngeren Frauen zusammen. So wurden unbewusst – und manchmal auch ganz bewusst – Grenzen überschritten – als kreativer Anteil der Arbeit. Grenzen zu überschreiten, galt als besonders revolutionär und erstrebenswert.

Eine wirkliche Trennung zwischen Privatem und Darstellung gab es also nicht?

Weitzenböck: Genau. Privates und Rolle wurde vermischt, und es wurde nicht gefragt: Bist du als Schauspielerin bereit, das zu tun? Die Devise lautete einfach: Macht mal! In der Not und dem Stress, der dadurch entstand, wurde dann auf das Nächstliegende und Altbekannte zurückgegriffen. Und das sind die allgemein gegenwärtigen Klischees, die wir Tausende Male in Filmen gesehen haben. Das wurde immer wieder reproduziert.

Wie sind sie selbst – neben Ihrer Schauspielkarriere – zur Intimitätskoordination gekommen?

Weitzenböck: Ich arbeite seit 30 Jahren in diesem Beruf, und habe in dieser Zeit immer wieder heikle Szenen miterlebt. Für mich persönlich habe ich einen ganz guten Weg gefunden damit umzugehen, bestimmte Grenzen zu ziehen und mich zu verteidigen. Irgendwann wusste ich, wo die Gefahrenlagen sind und wie ich sie umschiffen kann.

Zur Intimitätskoordination bin ich im Corona-Lockdown gekommen. Ich sah eine Netflix-Serie – Binge-Watching in Corona-Times – und mir fielen die besonders aussagekräftigen intimen Szenen auf. Da dachte ich: Das ist ja wirklich toll, was die jenseits von Worten zum Ausdruck bringen.

In der Recherche zum Hintergrund stieß ich auf diesen neuen Beruf, die Intimitätskoordination, und dachte: Das ist ja fantastisch. Das will ich machen. Die deutsche Schauspielergewerkschaft BFFS bot etwas später eine Fortbildung dazu an, die ich absolviert habe. Am Ende ging alles ganz schnell, und jetzt arbeite ich neben meinem Schauspielberuf als Intimitätskoordinatorin.

Was macht ein Intimacy Coordinator?

Weitzenböck: Als Intimitätskoordinatorin betreue ich simulierte intime Szenen mit sexuellen Inhalten oder sexualisierter Gewalt im Auftrag der Produktion. Bei meiner Arbeit orientiere ich mich an verschiedenen Grundprinzipien. Dazu gehört die Zustimmung der Schauspieler für jedwede Handlung ebenso wie das Arbeiten innerhalb der professionellen Grenzen der Schauspieler und ein Choreografieren der physischen Handlungen. Auch bedeutsam ist eine de-sexualisierte Sprache in den Anweisungen. Im Prinzip geht es darum, offene Fragen zu stellen, zu kommunizieren, aufzuklären und alternative Lösungsvorschläge anzubieten für das Storytelling.

Wie läuft das ganz praktisch ab?

Weitzenböck: Der Großteil der Arbeit als Intimitätskoordinatorin besteht in der Vorbereitung. Es sind Fragen zu klären wie: Wird es Großaufnahmen von Körperteilen geben? Welche Bedenken, Fragen und Unsicherheiten gibt es bezüglich der Szene bei den Schauspielenden? Gemeinsam wird eine Liste der professionellen Grenzen der Darsteller erstellt. Das heißt konkret: Welcher Körperteil darf gezeigt werden? Ist Oberkörper-Nacktheit okay? Die Brüste? Ja oder Nein. Solche Fragen. Das mündet dann in einem gemeinsamen Erarbeiten der physischen Handlungen vor dem Drehbeginn.

Ich setze besonderen Intimschutz ein. Das sind die sogenannten Modesty-Garments, die die Genitalien bedecken. So kann der vordere Genitalbereich abgeklebt werden, oder auch der ganze Beckenbereich. Ein Kontakt der Genitalien der Schauspielenden soll stets vermieden werden. Dazu setzen wir sogenannte Anker-Techniken ein. Wir finden Kontaktpunkte, über die sexuelle Bewegungen übertragen werden können, ohne dass sich die Genitalien berühren.

Das Ganze ist ein ganz bewusst entsexualisierter, technischer Rahmen. Es entsteht ein Raum innerhalb der professionellen Grenzen der Darstellenden. Die können sich so maximal auf ihre Schauspielarbeit konzentrieren. Der ganze Stress und die Sorgen von früher sind damit passé.

Ich erlebe dann oft total enthusiastische und Angst-befreite Schauspieler, die sich mit einem Mut und einer Freude reinstürzen – das ist ganz toll.

Am Drehtag selber sind Sie dann auch am Set?

Weitzenböck: Ja, bin ich. Dann machen wir die sogenannte Boundary-Practice, auch Grenz-Check genannt. Die Spielpartner stellen sich voreinander und zeigen, wo sie dem anderen gestatten, sie anzufassen. Das macht man sich gegenseitig vor, und zwar jedes Mal von Neuem – sei es in der Probe oder beim Drehen – um sich jeweils die Erlaubnis abzuholen: Da darf ich dich anfassen und da nicht. Ich habe es bislang noch nie erlebt, dass das dann doch passiert ist. Es schult die Aufmerksamkeit.

Am Set bin ich als Intimitätskoordinatorin die Mittlerin. So muss die Schauspielerin, der Schauspieler die Grenze vor dem Regisseur nicht selbst ziehen, was auch einen Stress bedeuten würde. Denn ein Machtgefälle zwischen Regie und Darstellern kommt immer wieder zum Tragen. Das kann man gar nicht vermeiden. Es ist einfach so. Die Darstellerinnen sind per Definition weisungsgebunden, die Regisseurin gibt die Anweisung. Auf die Schnelle fehlt da ganz häufig der Raum für die Grenzziehung.

Sie wollen mit Ihrer Arbeit neue Vorbilder für das Publikum erschaffen. Wie könnten diese aussehen?

Weitzenböck: Ein Stichwort sind hier überflüssige Nacktszenen, die keine Notwendigkeit beim Erzählen der Geschichte haben. Ich habe das als junge Schauspielerin oft selbst erlebt. Der Regisseur kommt am Drehtag und sagt: "Du, ich habe da noch eine Duschszene reingeschrieben, die vorher gar nicht im Drehbuch stand. Es wäre gut, wenn wir die auch heute gleich drehen. Also, Du musst nackt sein, aber man wird nichts sehen. Es wird total ästhetisch aussehen." Das ist eine Überrumpelung und eine Überforderung.

Als Intimitätskoordinatorin versuche ich in den Vorgesprächen mit der Regie immer zu fragen: Warum willst du Nacktheit erzählen? Was soll sie erzählen? Und brauchst du sie wirklich? Oder ist es ein voyeuristisches Element?

Eine andere Möglichkeit, neue Vorbilder zu schaffen, ist die Gleichwertigkeit der Spielpartner. Keiner der beiden Partner soll objektiviert werden. Zeige ich den weiblichen Körper nackt, zeige ich auch den männlichen Körper nackt. So entsteht eine komplett andere Aussage, die ja eigentlich auch dem Film und der Geschichte zuträglich ist. Zwei Menschen, die einvernehmlich miteinander intim werden.

Natürlich kann man auch versuchen, das klassische Modell des "Male Gaze" umzudrehen und den Mann spielerisch zum Objekt zu machen. Es gibt für so etwas einige Beispiele unter neueren Serien. In einer ziemlich bekannten Netflix-Serie wird das beispielsweise so gehandhabt – da wurde dann auch gleich der männliche Hauptdarsteller zum Sexsymbol. In der Serie sieht man den männlichen Körper häufiger nackt als den weiblichen.

Hinken wir hier in Deutschland der Entwicklung hinterher, was Intimitätskoordination angeht?

Weitzenböck: Ja. Bis meine Gruppe jetzt in der Fortbildung ausgebildet wurde, gab es in Deutschland kaum eine ausgebildete Intimitätskoordinatorin. Ich kann aus meinen Gesprächen mit Schauspielenden berichten, dass bislang wirklich kein einziger Darsteller und keine einzige Darstellerin vorher schon mal mit einem Intimitätskoordinator gearbeitet hat.

Jetzt verändert sich das aber rasant. Ich bekomme viele Anfragen von Produktionsfirmen und ebenso von Studenten und jungen Filmemachern. Die sind alle offen für Intimitätskoordination und wollen das integrieren. Ich habe außerdem den Eindruck, dass die Schauspieler und Schauspielerinnen selbstbewusster werden und sagen: Ich will das. Ziel meiner Arbeit ist es, dass an Filmsets und beim Theater eine Kommunikationskultur etabliert wird, in der auf Augenhöhe und respektvoll miteinander kommuniziert wird.

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