Der Feind in meinem Blut: Was "Unsichtbar" zu einem sehenswerten "Tatort" macht

Erst kippt die Ex-Freundin eines Labortechnikers um, dann Karin Gorniak: Die Dresdner Ermittlerin kämpft in „Unsichtbar“ gegen eine biologische Wunderwaffe. Die Moleküle verhalten sich intelligenter, aber wenigstens kann Darstellerin Karin Hanczewski besser schauspielern.

Eine Kritikvon Iris Alanyali

Diese Kritik stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Der zentrale Satz fällt gegen Ende des „Tatort“: „Wie blöd kann man denn sein?“ Oder besser: „WIE BLÖD KANN MAN DENN SEIN??!!“ Polizeichef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) brüllt ihn ins Telefon – und er hat völlig recht, auch wenn er einen armen Streifenpolizisten damit meint und nicht die Person, die man das die ganze Zeit schon fragen wollte: Kommissarin Karin Gorniak.

Karin Gorniak geht es schlecht, sie hat furchtbare Schmerzen, sie wird bedroht und verfolgt und tut, was jeder vernünftige Mensch auf keinen Fall tun würde: Erzählt niemandem davon, ermittelt auf eigene Faust und bringt sich aus reiner Sturheit, Ungeduld und, ja, Blödheit in immer größere Gefahr. Die klassische Nervensäge, ohne die Horrorfilme nicht funktionieren würden, weil es immer eine beknackte Heldin geben muss, die immer genau dorthin rennt, wo das Grauen am wahrscheinlichsten wartet.

„Tatort“ aus Dresden: Nanobots vergiften junge Café-Besitzerin

Tatsächlich könnte „Unsichtbar“ etwas von einem Horrorfilm haben: Der Titel bezieht sich auf Nanobots, also winzigste Roboter, mit deren Hilfe Krankheiten im Körper auf molekularer Ebene behandelt werden sollen. Theoretisch könnten solche Nanobots natürlich auch für genau das Gegenteil eingesetzt werden: In Spionagethrillern könnten sie eine biologische Massenvernichtungswaffe sein, wie im aktuellen James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“.

Oder man schleust sie über die Haut in den Körper einer hübschen Café-Besitzerin ein und vergiftet sie damit langsam, bis die eigentlich kerngesunde junge Frau auf der Straße einfach umkippt und an Herzversagen stirbt. Wie im neuen „Tatort“ aus Dresden.

Eigentlich deutet nichts auf einen gewaltsamen Tod hin, aber als die Kommissarinnen Gorniak und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) erfahren, dass Anna Schneider in letzter Zeit an unerklärlichen Schmerzen litt und einen Stalker gemeldet hatte, setzen sie Mordermittlungen durch. Karin Gorniak ist besonders beunruhigt, da sie neuerdings ebenfalls von einem plötzlich auftretenden Brennen gequält wird.

Ex-Freund wird in „Unsichtbar“ zum Tatverdächtigen

Als die Ermittlungen zu Annas Ex-Freund Nils Klotsche (Christian Friedel) führen, der immer noch unter der Trennung leidet, kommen die Nanobots ins Spiel: Nils Klotsche ist technischer Assistent in einem medizinischen Labor, das sich auf die Entwicklung dieser Kleinstroboter für die Krebsforschung spezialisiert hat. Dort arbeitet außerdem die Wissenschaftlerin Martha Marczynski (Anna Maria Mühe), die sich wiederum verdächtig liebevoll um den verzweifelten Nils zu kümmern scheint. Und dann bekommt auch Karin Gorniak Drohnachrichten von Unbekannt.

Von den gefährlichen Molekülen abgesehen ist in „Unsichtbar“ allerdings kaum etwas unsichtbar. Die Tatperson steht relativ früh fest, und Regisseur Sebastian Markas Inszenierung versucht erst gar nicht, eine Atmosphäre unheilvollen Grauens zu erzeugen.

Im Gegenteil, von einem grobkörnigen alten Film abgesehen, den Karin Gorniak mit dem Befehl „Erinnere dich!“ zugeschickt bekommt und der Ausschnitte einer nächtlichen Party zeigt, passiert hier alles am helllichten Tag oder im strahlenden Weiß der Labore: Wir sehen die brandähnlichen Spuren auf der Haut des ersten Opfers, wir sehen die roten Hände der Kommissarin, wir sehen ihre Qual und ihre Verzweiflung, und bald auch die schuldige Person mitsamt dem seelischen Ballast, den sie mit sich trägt.

Das geht zwar auf Kosten der Spannung, aber wer über das bereits erwähnte, sogar für einen verzweifelten Sturkopf wie Gorniak unsinnige Verhalten hinwegsehen kann, und wer auch keinen medizinischen Thriller erwartet, in dem über eine futuristische Supertechnologie gestaunt werden soll (die Nanobot-Erläuterungen halten sich in Grenzen), der kann eine sehr altmodische, sehr menschliche Leistung bewundern: Das Talent von Karin Hanczewski, die Karin Gorniak spielt.

Der Titelsong zu seinem "Tatort"-Gastspiel ist da!

Im Zentrum der „Tatort“-Folge: Die labile Kommissarin

Das Drehbuch von Michael Comtesse konzentriert sich ganz auf die psychologische Seite des Falles. Im Zentrum steht eine Kommissarin, die ohnehin schon labil ist: Der fast 18-jährige Sohn Aaron (Alessandro Schuster) treibt sich nicht nur mit den falschen Leuten herum, jetzt will er auch noch aus- und mit den falschen Leuten zusammenziehen. Dann diese unerklärbaren körperlichen Schmerzen. Und schließlich noch ein Psychoterror, der erst von außen kommt und sich allmählich auch von innen Bahn bricht – als sich nämlich herausstellt, dass die Bedrohung mit einem dunklen Fleck in Karin Gorniaks Vergangenheit zu tun zu haben scheint.

All das, die Sorge der alleinerziehenden Mutter, die Frustration der sonst so perfektionistischen Kommissarin, keine Lösung zu finden, die plötzliche Schwäche, die Angst, verrückt zu werden, der Zeitdruck – all das spiegelt sich in Karin Hanczewskis Gesicht, das die Kamera völlig zu Recht kontinuierlich aus nächster Nähe begleitet.

Ihr Schauspiel, zu dem Anna Maria Mühes kühle Wissenschaftlerin Martha Marczynsk einen reizvollen Kontrast bildet, ist alles andere als unsichtbar, aber nie platt. Es ist vor allem diese Intensität, die aus einem mittelmäßigen Krimi einen sehenswerten „Tatort“ macht.

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Ein Tatortreiniger erzählt: Dieser Fall lässt ihn nicht mehr los

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