RTL setzt "Querdenker" auf heißen Stuhl

Die Live-Sendung „Stern TV“ hat am Sonntagabend mit einer Spezialausgabe für Empörung bei vielen Zuschauern gesorgt. Der Grund: Ein führender Kritiker der Corona-Maßnahmen nahm auf dem „heißen Stuhl“ Platz. 

Während „Anne Will“ noch in der Winterpause ist, wollte RTL sich offenbar mit einer Sonderausgabe von „Stern TV“ am Sonntagabend die Zuschauer sichern. Dafür ließ der Sender das Format nicht nur von Frauke Ludowig und RTL-Politikchef Nikolaus Blome moderieren, sondern es kramte auch ein TV-Kultobjekt der 90er-Jahre aus der Schublade: den „heißen Stuhl“.

Das Hauptthema des Abends war erwartungsgemäß die Corona-Pandemie. Die Gäste der Sendung, darunter „Let’s Dance“-Juror Joachim Llambi, Stefan Effenberg, Bayern-Kritiker Michael Ott und Tübingens Bürgermeister Boris Palmer, diskutierten unter anderem über die Impfpflicht, die daraus resultierende mögliche Spaltung in der Gesellschaft und die Australien-Posse von Tennisstar Novak Djokovic.

Bei vielen Zuschauern kam das neue Format am Sonntagabend jedoch gar nicht gut an. In den sozialen Netzwerken kritisierten zahlreiche Nutzer unter anderem, die Besetzung der Sendung sei zu „populistisch“ gewesen, so etwa beim Thema Djokovic, als der zugeschaltete serbische Ex-Fußballtrainer Dragoslav Stepanovic den Tennisstar verteidigte.

Stepanovic warf Australien in der Sendung indirekt eine Verschwörung vor. Das Land habe Gründe dafür gehabt zu haben, die Nummer 1 nicht spielen zu lassen. „Wenn man das Stadion nach Novak Djokovic benennt, ist das nicht so angenehm für die, die in Australien leben“, spottete er in Anspielung darauf, dass Djokovic die Australian Open schon neun Mal gewonnen hatte. Djokovic war aus Australien verwiesen worden, weil er Corona-Regeln des Landes missachtet und Falschangaben bei der Einreise gemacht hatte.

„Heißer Stuhl“ sorgt für Wirbel

Für besonders viel Wirbel sorgte jedoch das Format, das ursprünglich vom Sender besonders angepriesen wurde. Denn auf dem „heißen Stuhl“ nahm als erster Gast ein führender Kopf der „Querdenker“-Bewegung in Dresden Platz. „Gegrillt“ wurde Marcus Fuchs dort unter anderem mit Fragen von Joachim Llambi und Schauspielerin Elena Uhlig. 

Der „Querdenken“-Kopf habe dort seine „verqueren“ Ansichten vertreten, ohne dass seine Aussagen geprüft oder widerlegt werden konnten, beklagten daraufhin zahlreiche Kritiker der Sendung.

„Stern TV“ berichtigt Angaben von Fuchs auf Twitter

So behauptete Fuchs fälschlicherweise im Live-TV, dass Ungeimpfte besser gegen die Corona-Variante Omikron geschützt seien. „Das ist falsch! Unser Faktenchecker bezieht sich auf fehlerhafte Zahlen vom RKI, die Anfang Januar korrigiert wurden“, schrieb „Stern TV“ dazu – auf Twitter und erst nach der Sendung. RTL-Nachrichtenchef Nikolaus Blome hatte darauf bereits in einem zehnminütigen Streitgespräch mit Fuchs hingewiesen.

„Vielleicht hätte man einen Faktenchecker im Studio haben können oder den einem ähnlich großem Publikum zugänglich machen sollen, nicht hintenrum auf Twitter?!“, schrieb eine Twitter-Nutzerin dennoch kritisch. Andere Nutzer lobten den Sender jedoch auch dafür, Fuchs auftreten zu lassen, das sei „demokratisch“.

RTL reagiert während der Ausstrahlung auf Kritik 

„Stern TV“ verwies in einem weiteren Tweet darauf, dass Zuschauer der jüngsten Sendung sich mit Lob oder Kritik an RTL wenden sollten. „Die Sendung wird nicht wie sonst von i&u TV produziert. Die inhaltliche Ausgestaltung sowie die Auswahl der Themen und Gäste verantwortet die Redaktion von RTL, die heute als Gast aus unserem Studio sendet“, hieß es.

Auch daran störten sich viele Zuschauer. „Bin mehr als enttäuscht von Stern! Auch wenn RTL die Sendung inhaltlich verantwortet, gibt der Stern den Namen und somit den Journalistischen Rahmen“, schrieb etwa eine Nutzerin. „Habt ihr keine Journalisten an Bord, wenn ihr schon Schwurblern eine Bühne bietet? Ganz schwach! Stern zerstört sich selbst!“, schrieb ein anderer. 

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Beim Ursprungsformat des „heißen Stuhls“, das 1989 das erste Mal ausgestrahlt wurde, stellte der Moderator eine Person und ihre Position kurz vor und ließ sie anschließend Platz nehmen. Dann wurde der Gast mit seiner meist provokanten These von weiteren Personen einzeln ins Kreuzverhör genommen, bevor alle gemeinsam hitzig über das Thema diskutierten. Der „heiße Stuhl“ war 1994 nach insgesamt 159 Sendungen von RTL  eingestellt worden. Im Dezember gab es dann eine erste Neuauflage des Formats mit Steffen Hallaschka als Moderator und Thilo Sarrazin als Gast. Die Quoten fielen jedoch für den Sender enttäuschend aus, bis dato entstand keine weitere Folge.

RTL hat sich bislang noch nicht zu der Kritik geäußert. Generell solle die „Stern TV“-Sendung am Sonntag Themen in den Fokus rücken, „die die Menschen bewegen und ihre Lebenswirklichkeit betreffen – relevant, meinungsstark und unterhaltsam zugleich“, hatte es vonseiten des Senders in einer Pressemitteilung geheißen.

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