Wenn jemand stirbt, tut sich ein Krater auf: "Tatort: Warum" aus Franken

Ein allseits beliebter junger Mann wird brutal erstochen. Eltern und Ermittler sind fassungslos. Der Mord berührt auch Kommissar Voss so sehr, dass er in seiner Wut einen schockierenden Fehler macht. Darsteller Fabian Hinrichs glänzt im „Tatort: Warum“ – einem packenden Drama von Max Färberböck.

Lukas Keller (Caspar Schuchmann) macht im „Tatort: Warum“ alle glücklich. Einfach, indem er Lukas ist. Weil sein Glücklichsein so ansteckend ist. Ein junger Mann, der das Leben und die Menschen liebt, der seinen Traumberuf und seine Traumfrau gefunden hat. Seine Ausgeglichenheit und Zuversicht strahlen direkt in die Seelen seiner Mitmenschen. Die Freundin lächelt beseelt, während er mit ihr im Bett liegt. Seine Mutter grinst von einem Ohr zum anderen, wenn sie mit ihm telefoniert. Sein Chef (Götz Otto) sagt, er habe Großes mit ihm vor.

Und dann ist Lukas plötzlich tot. Auf dem Weg in seinen Sportclub hat jemand den IT-Spezialisten hinterrücks überfallen. Die Kehle durchgeschnitten und auf den toten Körper eingetreten, als er schon am Boden lag. „Behalten Sie ihn lieber so in Erinnerung, wie sie ihn zuletzt gesehen haben“, rät die Polizei der Mutter, als sie die Leiche sehen will.

„Tatort: Warum“ aus Franken: Der Tote im Mittelpunkt der Geschichte

Der Mord ist in Krimis ja meist nur der Auslöser für die eigentliche Geschichte: Die Ermittlungen, die sich ganz auf die Suche nach Motiven, Zeugen und Tätern konzentrieren. Der Schwerpunkt verlagert sich vom Toten auf die Lebenden. Und bei all der Das-Leben-geht-weiter-Betriebsamkeit rückt die Tatsache in den Hintergrund, dass da ein Menschenleben ausgelöscht wurde, dass sich da ein Krater aufgetan hat, der sich nie wieder schließen wird.

Hier ist es anders. Natürlich wird ermittelt, aber im Mittelpunkt dieses intensiven, emotional mitreißenden „Tatort“ von Regisseur Max Färberböck, der mit Catharina Schuchmann zusammen auch das Drehbuch geschrieben hat, steht der Tod. Die Abwesenheit des Toten. Und der Schmerz, den dieser Verlust auslöst.

Bezug zu legendärer TV-Szene: Die Hintergründe zum "Tatort: Finsternis"

Für Lukas‘ Eltern Marie (Valentina Sauca) und Fritz Keller (Karl Markovics) steht das Leben erst einmal still. Sie trauern auf eine Weise, die all die Redewendungen vom „Tod auf zwei Beinen“, vom „am Boden zerstört“ oder „kaputt“ sein erfahrbar macht.

Eltern ermitteln im „Tatort“ auf eigene Faust

Marie Keller kann kaum gucken und sprechen, als die Kommissare Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) sie befragen müssen. Reizvoll kontrastiert „Warum“ die energischen Recherchen der Profis im Kommissariat mit der Wahrheitssuche der gelähmten Eltern. Denn wie eine Untote wird Marie durch den Rest dieses „Tatort“ waten, als erfordere jeder Schritt ungeheuren Überlebenswillen.

Das Einzige, was sie am Leben hält, ist der Verdacht, dass die Freundin ihres Sohnes ein Geheimnis hat. Dass Mia (Julie Engelbrecht), mit der Lukas sich verloben wollte, etwas weiß, das seinen Tod zumindest erklären würde. Die Eltern ermitteln auf eigene Faust, mit der Kompromisslosigkeit derer, die nichts mehr zu verlieren haben, nachdem ihnen das Wichtigste genommen wurde.

Inszenierung ganz ohne drastische Details

In der Kritik zum Kieler „Tatort: Borowski und der Schatten des Mondes“ haben wir kürzlich beklagt, dass Krimis sich oft zu sehr auf Gewalt und Schockeffekte verlassen, um Spannung zu erzeugen. Der neue „Tatort“ aus Franken ist ein Paradebeispiel für das Gegenteil.

„Warum“ erzählt ganz ohne drastische Details. Nur mit Worten und Gesichtern und einer furchtlosen Nähe der ganz anderen Art: Hier werden die Wunden bildlich aufgerissen, alle Emotionen offen gelegt, zum Nachfühlen und Mitfühlen den Zuschauern direkt ins Herz geschleudert: Wie es ist, einen Sohn zu verlieren, einen Geliebten, einen jungen Menschen, der die Welt ein klein bisschen besser gemacht hat durch seine Art und die Großzügigkeit, seinen Optimismus mit dieser Welt zu teilen.

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Fabian Hinrichs ist der Star von „Warum“

Dem Zuschauer wird auch offen gelegt, wie es ist, sich als Kommissar mit einem Mörder vergleichen zu müssen. So wie Felix Voss das hier tut. Weil er sich zu sicher war, zu selbstgerecht in seiner Empörung. Fabian Hinrichs als Kommissar Voss ist der eigentliche Star von „Warum“.

Denn Färberböck erlaubt auch den Ermittlern die Anteilnahme an der Schrecklichkeit des Mordes. Voss und Paula Ringelhahn müssen nicht mit professionellem Zynismus so tun, als seien alle Menschen nun einmal potentiell schlechte Menschen und als gehöre Mord deshalb zum Alltag.

Die Konzentration auf die Folgen einer solchen Tat für die Hinterbliebenen macht „Warum“ zum perfekten Fall für Fabian Hinrichs und seinen Felix Voss, diesen Kommissar mit dem stets verträumten Lächeln in einem Gesicht, das immer so aussieht, als fände er die Welt und ihre Menschen einfach bezaubernd. Als sei er notgedrungen Kommissar geworden, nur um mithelfen zu können, dass das auch so bleibt.

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Grenzenlose Wut treibt Ermittler an

Entsprechend fassungslos ist Voss über den Mord an Lukas, und diese Fassungslosigkeit steigert sich zu einer regelrechten Wut, mit der er die Ermittlungen und das Ermittlerteam antreibt.

Die Wut wird Opfer fordern. In einer der stärksten Szenen von „Warum“ sehen wir Felix Voss voller Selbstzweifel. Denn der Kommissar, der eigentlich ein bisschen dem Strahlemann Lukas Keller ähnelt, erinnert plötzlich an dessen Mörder. Weil Voss einen Verdächtigen so behandelt hat, wie Lukas ermordet wurde: „Er war ganz unten, und da hab ich ihn mir geholt.“

In welche Richtung die Auflösung des Falles geht, dürften viele Krimizuschauer ziemlich bald ahnen. Was nicht heißt, dass einen das Ende kalt lässt. Im Gegenteil: „Warum“ nimmt sich für das Ende dieser Tragödie genug Zeit, um die Empörung über den Mord und die Verachtung für Tat und Motiv nur noch stärker brennen zu lassen.

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